La Liga
Zuschauer: 41.392
Estadio Ramon Sanchez Pizjuan: Sevilla
Es war klar, dass ich an diesem Wochenende für eine Hochzeit in Sevilla sein würde. Schon früh hatte ich daher mal den Spielplan gecheckt und festgestellt, dass das Sevilla Derby genau auf dieses Wochenende fallen würde. Die spanische Liga lässt sich dann mit der konkreten Terminierung Zeit… So war erst zehn Tage vor Anpfiff klar, an welchem Tag das Spiel schlussendlich angestoßen werden sollte. Zeitlich passte das perfekt und es galt nur noch die Kartenfrage zu klären.
So guckte ich regelmäßig auf der Homepage von Sevilla vorbei und wurde dann durch einen glücklichen Zufall fündig. Auf der englischsprachigen Homepage war der Ticketbutton nämlich durchgehend ausgegraut. Auf der spanischen Webseite wurde man zu einem offiziellen Zweitmarkt weitergeleitet und dort wurden immer mal wieder Einzeltickets angeboten. Ich haderte ziemlich lange, denn die Preise waren absurd. Generell sind die Ticketpreise in Spanien einfach komplett realitätsfern. Somit war der Derby- und Zweitmarktaufschlag beim Gesamtwert fast zu vernachlässigen. Zähneknirschend schlug ich am Ende zu und Sevilla ist somit mit deutlichem Abstand mein teuerstes Ticket bisher.
Am Spieltag machte ich mich zu Fuß auf den Weg zum Stadion. Tagsüber hatte man vereinzelt Leute in Trikots gesehen, wobei noch keine richtige Derbystimmung auszumachen war. Dazu ist vermutlich Sevilla einfach ein wenig zu touristisch. Im Umfeld des Stadions wurde es dann jedoch deutlich lebhafter und man sah viele Sevilla Fans in den umliegenden Kneipen und Restaurants. Ich ging relativ zügig in das Stadion und zumindest der Einlass war komplett stress- und problemfrei und es gab keine wirkliche Kontrolle. Ich holte mir noch ein Getränk und nahm dann schon einmal meinen Platz ein.
Ich empfinde solche Situationen dann immer als ziemlich unangenehm. Als Groundhopper ist man ja auch immer ein kleiner Voyeur und gerade in Spanien ist man mit einem mitteleuropäischen Aussehen relativ schnell als Fremdkörper zu enttarnen. Ich saß strategisch nah am Gang, sodass ich auch zahlreiche Leute vorbeilassen musste und fleißig gemustert wurde. Das Unwohlsein explodierte dann im Moment der Vereinshyme, als alle Leute voller Leidenschaft mitsangen und ich peinlich berührt die Lippen bewegte. Nun gut! Die Lektion gelernt und in Zukunft auf solche Rosinen vielleicht eher verzichten. Denn so fühlte es sich schon an, als ob man einem richtigen Sevilla Fan den Platz wegnehmen würde.
Die Heimfanszene startete mit einer Choreo in die Partie. Es gab ein großes Banner mit der Aufschrift „Sevilla nuestra“ zu sehen. Dazu gab es im Unter- und im Oberrang ein Fahnenmeer, was optisch wirklich sehr schön daherkam. Betis startete im kleinen Gästeblock mit einer sehr geschlossenen Schalparade. Die Fans versammelten sich hinter der zentralen „Gol Sur 1907“ Zaunfahne. Dazu wurden immer wieder spanische Fahnen mit den Herkunftsorten der Fans hochgehalten. Auch die Hools von Betis waren mit ihrer Zaunfahne „Familia Unida“ vertreten. In der ersten Halbzeit gefiel mir der Gästeblock mit einer enormen Geschlossenheit und lautstarken Gesängen sehr gut. In der zweiten Halbzeit flachte die Stimmung dann deutlich ab und kam zu einigen längeren Pausen.
Die Pausen waren sicher auch durch die Lautstärke der Heimfans bedingt. Diese steigerten sich im Laufe der Partie und insbesondere in den Phasen, in denen das ganze Stadion miteinstieg, war es extrem laut. Diese Lautstärke wurde jedoch immer nur für wenige Sekunden gehalten, ehe es auch wieder deutlich abflaute. Alles in allem, ein durchaus stimmungsvolles Derby und da ich mit sehr geringen Erwartungen an die Sache herangegangen war, war ich eher positiv überrascht.
Auf dem Platz ging es enorm kämpferisch zu. In der ersten Halbzeit neutralisierten sich beide Mannschaften aber nahezu vollständig und so kam es zu keinerlei Torraumszenen. In der zweiten Halbzeit übernahm dann zunehmend der FC Sevilla das Ruder und konnte sich zahlreiche Chancen erspielen. Nach einem rüden Tackling schaltete sich der Videoschiedsrichter ein und ein Betis Spieler wurde kurz vor dem Ende des Feldes verwiesen. Sevilla warf jetzt noch einmal alles noch vorne, aber schlussendlich blieb es beim 0:0.
Eine sehr interessante Beobachtung machte ich noch bei einem Toilettengang in der Halbzeitpause. In meinem derzeitigen Gastland China gibt es die Angewohnheit sich circa einen halben Meter vor dem Urinal zu positionieren, was zu einer gewaltigen Pfütze vor ebenjenem führt und den Effekt in der Folge noch verstärkt. Wer möchte sein Geschäft schon in einer Pfütze stehend verrichten? Also lieber noch einen Schritt zurück… Somit werben in jeder öffentlichen Toilette Schilder wie „One small step for you, one big step for mankind“ für den Nahkampf mit dem Urinal. In Spanien war dann die gegenteilige Dynamik zu beobachten. Hier stand man so dicht am Urinal, dass Tuchfühlung mit den Innenseiten aufgenommen wurde. Spanier und Chinesen- trefft Euch einfach in der Mitte!
Nach dem Spiel leerte sich das Stadion rasant. Lediglich die Gäste blieben aufgrund einer Blocksperre noch lange zurück. Ich harrte noch etwas auf meinem Platz aus und war 15 Minuten nach Spielende dann fast der letzte Mensch im Heimbereich. Zu Fuß ging es dann durch die sevillianische Nacht zur Unterkunft. Grüße gehen raus an Karim Rekik, der für Sevilla durchspielte.





