02.07.2023 Beijing Institute of Technology- Haimen Codion 1:0

China League Two

Zuschauer: 300

Beijing Institute of Technology Eastern Athletic Field

In der höchsten chinesischen Spielklasse hat sich die Situation mittlerweile normalisiert. Es ist relativ einfach die Spieltermine und die Spielorte herauszufinden und auch der Ticketverkauf scheint selbst für Ausländer über die gängigen Miniprogramme machbar zu sein. In den unteren Spielklassen gestaltet sich die Situation noch etwas komplizierter. So gab es bezüglich der Anstoßzeit widersprüchliche Angaben bzgl. des Drittligaspiels (Ja, es ist verwirrend bei dem Namen „China Leauge Two“). In der Vergangenheit hatte sich jedoch gezeigt, dass die Wettanbieter zumindest mit Blick auf die Anstoßzeit die zuverlässigste Quelle sind.

Mit Blick auf den Spielort waren sich die verschiedenen Seiten einig und es sollte auf dem Universitätsgelände des Beijing Institutes of Technology gespielt werden. Das machte mich im Vorfeld etwas nervös, denn Universitätsgelände in China sind nicht wie in Europa frei zugänglich, sondern häufig nur Studierenden und Mitarbeitenden vorenthalten. Da es sich jedoch um ein Fußballspiel der dritten Liga handelte, war ich zuversichtlich, dass der Zugang auch möglich sein musste. Das Universitätsgelände liegt wie so viele andere im nördlichen Pekinger Bezirk Haidian. Wir kamen um circa 15:30 am Tor der Universität an.

Ich versuchte den Fahrer noch zu überreden einen Versuch zu starten in das Universitätsgelände reinzufahren, aber dieser verlor plötzlich seine Sprachfähigkeiten, als wir diese Bitte äußerten. Also mussten wir aussteigen und uns den Guards nähern, um unser Anliegen zu erläutern. Schnell wurde klar: Die Situation ist verfahren. Man darf das Gelände nur betreten, wenn man eine offizielle Erlaubnis hat. Man, war das bitter! Die nächsten 30 Minuten waren ein intensiver Sprachunterricht, denn wir konnten unser Chinesisch intensiv in Anwendung bringen und versuchten verschiedenste Techniken, um die Guards zu überzeugen, bzw. ihr Herz zu erweichen:

  • Unser Freund spielt für das Heimteam und hat uns eingeladen (aufgrund des Faktenchecks der Guards nicht sehr vielversprechend)
  • Es ist ein offizielles Fußballspiel- da müssen doch Zuschauer zugelassen werden (Meine chinesische Variante von „Fußball ohne Fans ist kein Fußball“ sorgte zumindest für ein Schmunzeln
  • Wir leben genauso in China. Auch Ausländern muss gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden
  • Wir lassen Euch unseren Pass als Sicherheit da
  • Ansprache verschiedener Passant*innen mit der Bitte um Hilfe

Der Erfolg war sehr begrenzt. Der einzige Hoffnungsschimmer war, dass wir mittlerweile zu viert waren und alle ohne Erlaubnis das Spiel sehen wollten. Der Klabauterkeaper versuchte sich derweil in der Interaktion mit ein paar Studierenden in Trikots der Heimmannschaft. Diese holten der Reihe nach ihren weiblichen Fanclub auf Rollern auf das Gelände. Der sehr mürrische Guard hatte sich mittlerweile verzogen und der konstruktivere der beiden war nur noch verblieben. Der schlug mir doch dann allen Ernstes vor: Holt Euch doch ein Taxi. Manchmal werden die Autos nicht so genau kontrolliert… Ich dachte ich traue meinen Ohren nicht und musste mich tierisch zusammenreißen nicht laut loszulachen.

Also taten wir uns zusammen und einer der anderen ruf uns ein Taxi, wir stiegen ein, brieften den Fahrer und die machten uns tatsächlich die Schranke auf. Sowohl der Taxifahrer als auch ich fingen nun unkontrolliert an zu lachen. Danke dennoch an den Guard, denn die Lösung war zwar sinnlos aber zumindest pragmatisch. So hatte er die Regeln nur gedehnt und nicht gebrochen und wir konnten trotzdem rein. Ach, China! Bei 40 Grad war das 30-minütige Intermezzo dennoch ein ganz schöner Kraftakt.

Mit dem Anpfiff fuhren wir also auf das Gelände und der Taxifahrer brachte uns bis zum Fuße der Tribüne. Netterweise verzichtete unser Kompagnon auf eine Fahrpreisbeteiligung und nun betraten wir die Tribüne. Die Sicherheitskräfte guckten etwas skeptisch, sodass wir direkt auf die Tribüne abbogen, wo uns auch niemand behelligte. Die Steine hatten bestimmt eine Temperatur von 50 Grad und trotz unseres Schattenplatzes lief der Schweiß nur so in Strömen! Die Temperaturen in Peking sind seit Wochen kaum aushaltbar. Fast jeden Tag knackten wir die 40 Grad und auch die Nächte bringen keine nennenswerte Abkühlung. Mit Blick auf weitere Temperatursteigerungen durch den Klimawandel schwant mir für die Lebbarkeit chinesischer Städte böses.

Der Klabauterkeaper hatte in einer Anwandlung von Genialität noch Wasser besorgt und so war es auf der Tribüne halbwegs aushaltbar. Neben uns hatten sich circa 300 weitere Zuschauer auf der Tribüne eingefunden. Das Stadion war zu einer Seite ausgebaut und durchaus hinnehmbar. Vermutlich studierte ein Großteil der Zuschauenden an der Universität, aber ich hatte die Vermutung, dass auch noch andere Leute sich eher reingeschmuggelt hatten.

Auch die Spieler auf dem Platz hatten mit der Hitze merklich zu kämpfen und so kam es kaum zu Szenen im Strafraum. Die Gäste hatten einen fatalen Aussetzer und foulten völlig sinnlos im Strafraum. Der Elfmeter wurde tölpelhaft in der Mitte verwandelt. In der Folge passierte nicht so wirklich viel. Es gab viele Trinkpausen und viel Zeitspiel und schlussendlich konnte die Heimmannschaft den Sieg über die Zeit retten, was zumindest die Buchmacher im Vorfeld nicht erwartet hatten.

In der Halbzeit waren wir mutiger geworden und hatten uns im Supermarkt des Campusgelände eingedeckt. Mit kaltem Latte, Eis und viel Wasser konnten wir die zweite Halbzeit noch besser gestalten. Nach dem Spiel waren die Trainer der Gäste extrem aufgebracht und versuchten den Schiedsrichter zu attackieren. Absolut unnötig, denn an der Spielleitung lag es heute sicher nicht. Die Heimmannschaft verabschiedete sich noch mit einigen Laola-Wellen und dann ging es auch für uns vom Gelände und wir ließen den Abend in einem leckeren Xinjiang Restaurant ausklingen.

Diese Geschichte gibt dem Narrativ „Wenn man möchte, kommt man überall rein“ natürlich wieder Auftrieb. Das war heute harte Arbeit, aber wirklich ein schönes Happy-End!

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