K-League
Zuschauer: 7.258
Suwon World Cup Stadium
Ich hatte Lust auf Fußball an diesem Freitagabend und zum Glück war ich in einer Metropolregion, in der fußballtechnisch einiges geboten wurde. In der engeren Auswahl waren die Kicks von Incheon United und den Suwon Bluewings. Incheon und Suwon bilden gemeinsam mit Seoul ein Städtedreieck und eine gemeinsame Metropolregion. 26 Millionen Menschen und somit jeder zweite Einwohner Südkoreas wohnt in dieser Gegend.
Ich hatte mich für das Spiel in Incheon entschieden, da das Stadion direkt an der Metro liegt. Somit hatte ich zwar eine lange Fahrt vor mir, aber die Anreise sollte keine größeren Probleme bereiten. Einsteigen, warten, aussteigen. Nach wenigen Stationen fiel es mir nicht mehr sonderlich schwer daran zu glauben, dass jeder zweite Koreaner in dieser Metropolregion lebt. Es fühlte sich so an als wäre jeder zweite Koreaner mit mir im gleichen Wagen der Metro. So fügte ich mich meinem Schicksal als Ölsardine und versuchte die Zeit verstreichen zu lassen. Als ich irgendwann einen Zentimeter Platz hatte und mein Handy herausholen konnte, schaute ich ungläubig auf meinen Standort auf der Karte. Ich war zwar in der richtigen Linie, aber wir waren eindeutig falsch abgebogen.
Es stellte sich also heraus, dass es verschiedene Varianten der Linie 1 gibt und diese in komplett verschiedene Richtungen fahren. Doof gelaufen! Ich widerstand dem Drang sofort auszusteigen (Okay, ich wäre auch nicht wirklich rausgekommen…) und versuchte erst einmal die Optionen zu prüfen. Irgendwie hatte ich ein Urvertrauen, dass ich mal wieder dem Glückskind-Ruf gerecht werden sollte. Nach einer kurzen Recherche stellte sich heraus, dass diese U-Bahn nach Suwon fahren sollte. Das war zwar nicht meine präferierte Option- aber gut: Es gibt ein Erstligaspiel, also ab die Post.
Irgendwann kam ich sogar in den Genuss eines Sitzplatzes und konnte mich dann über die weitere Logistik informieren. Das Stadion lag leider nicht ganz so verkehrsgünstig und die nächste Station der Metro immer noch circa fünf Kilometer entfernt. Also stieg ich an der Station aus und versuchte ein Taxi zu ergattern. Ich stieg einfach zielgerichtet in ein Taxi ein- aber die doch deutliche Gestik des Fahrers ließ mich leider verstehen: Die Leute warteten nicht auf den Bus, sondern auf ein Taxi und ich hatte die Schlange einfach mal übersprungen. Also wieder aussteigen und den Walk of Shame absolvieren. Für solche Wartespielchen hatte ich keine Zeit. Zum Glück gab es circa 100 Meter weiter noch einen weiteren Taxistand. Da betrug die Wartezeit nur circa zwei Minuten und dann fuhren wir dem Stadion entgegen.
Der Verkehr floss ziemlich zäh und so wurde ich erst um 19:28 am Stadion herausgelassen. Ich wetzte die Treppen hoch und reihte mich dann in die vermeintliche Ticketschlange ein. Nur leider merkte ich nach fünf Minuten, dass alle Leute Trikots im Arm hatte. Meine Nachfrage bestätigte die Befürchtung: Hier konnte man sich das Trikot beflocken lassen. Nach zwei weiteren Nachfragen hatte ich die Kasse endlich lokalisieren können und so war ich um circa 19:42 und somit zur zwölften Minute im Stadion. Nicht optimal, aber den Umständen entsprechend noch ein ziemlich gutes Ergebnis.
Beim Kartenkauf hatte mich die Frau hinter dem Schalter gefragt, ob ich ein Herz für die Heimmannschaft oder die Auswärtsmannschaft habe. Meine Antwort: Für die Heimmannschaft führte mich dann in die Heimkurve. Nicht optimal, aber so suchte ich mir ein Plätzchen am Rand. Bereits beim Einlaufen war ich ziemlich erstaunt: Die Akustik des Stadions war top und so knallten die Gesänge ziemlich. In der Folge hörte ich immer wieder komplett neue Melodien, die ich bisher noch nirgendwo gehört habe. Außerdem war es wirklich auffällig: Die können einfach richtig gut singen: Angetrieben von einem starken Trommler wurde einheitlich und melodisch gesungen. Ich war ziemlich beeindruckt.
In der Halbzeit konnte man das Stadion dann verlassen und sich an einem der nahegelegenen Food Trucks verpflegen. Ich entschied mich für ein sehr leckeres Steak mit netten Beilagen. Das aß ich dann im Umlauf der Kurve und von dort knallten die Gesänge noch etwas mehr. Spätestens jetzt war ich im siebten Himmel. Die Kurve hatte mich gepackt und so wippte ich immer seliger mit und versuchte zumindest die einfachen Stellen der Lieder mitzusingen. Wahnsinn war auch die Altersspanne der Kurve: Von der alten Oma bis zum Kleinkind war alles vertreten und beteiligte sich im Rahmen der Möglichkeiten am Support. Mich erinnerte der Stil der Kurve an das große San Lorenzo. Und als dann immer mehr Regenschirme aufgespannt wurden und zur Melodie von Despacito gesungen wurde, fiel es mir immer schwerer an Zufälle zu glauben.
Das Spiel war ziemlich ausgeglichen und wurde von beiden Seiten kämpferisch geführt. Laut den Buchmachern war Suwon der leichte Außenseiter, was mich natürlich zu einer Wette verführt hatte. Somit hatte ich einige Gründe, um auf einen Siegtreffer zu hoffen. Als der holländische Verteidiger nach einer Ecke in der 88. Minute einköpfte, gab es kein Halten mehr und der Torjubel war exzessiv. Es blieb bei diesem Ergebnis und die Mannschaft wurde nach dem Spiel ausgiebig gefeiert. Als Herthaner hatte ich vergessen, dass Fußball auch positive Emotionen hervorrufen kann.
Es war aber immer noch nicht vorbei- denn große Teile der Kurve gingen nach dem Spiel geschlossen nach draußen und positionierten sich in dem Bereich zwischen Ausgang und Kurvenumlauf. Wie beim großen San Lorenzo wurden da gemeinsam Lieder gesungen, Fahnen geschwenkt und zahlreiche Wasserpistolen geschossen. Für meinen Geschmack gab es etwas zu viele Handys- aber im Großen und Ganzen war es ein großes Erlebnis und ich konnte mich einfach nicht losreißen und sang und wippte die nächsten 30 Minuten mit- immer mal wieder mit einem Tränchen im Auge. Es fühlte sich an wie ein Buenos Aires light. Man, freue ich mich auf Deutschland und die Rückkehr in die Ostkurve und die Gästeblöcke des Landes.
Die örtliche Navigationsapp zeigte dann einen direkten Bus zurück nach Seoul an und war sehr präzise, sodass ich ohne Probleme die Busstation fand. Beim Einsteigen musste man dann die Karte an das Gerät halten und das Geräusch war eindeutig: Mein Guthaben reichte nicht mehr aus. Panischer Blick zum Fahrer und die schnelle Erkenntnis: Der hat keine Lust das mit einem Ausländer durchzudiskutieren- also schritt ich entschlossen weiter und wurde zum Schwarzfahren genötigt: Einen Fahrschein im Bus konnte man nämlich nicht mehr kaufen. Nun gut! So wurde es eine kostenneutrale Fahrt und der Verkehr war auch aushaltbar, sodass ich circa 45 Minuten später schon in meiner Unterkunft war. Das war ein schöner Abend und brachte unfassbare Eindrücke und Inspirationen. Dafür geht man hoppen. Danke Suwon!











