07.11.2023 Kawasaki Frontale- BG Patham United 4:2

Kawasaki Todoroki Stadium

Zuschauer: 9.441

AFC Champions League

Ich wollte die strategische Nähe zu Japan unbedingt noch nutzen, um dem Land einen Besuch abzustatten. Japan ist seit einigen Jahren unglaublich angesagt und die Leute nehmen aus den USA und Europa gewaltige Anreiserouten in Kauf. Zwischen Peking und Tokio liegen hingegen nur 3-4 Flugstunden (je nachdem in welche Richtung man fliegt). Anfang November gab es ein praktisches Zeitfenster, das ich nutzen wollte, bevor 2024 die Rückkehr nach Europa bevorsteht.

Ich kam an diesem Dienstag an und die Logistik war absolut unproblematisch. Eine effiziente und freundliche Grenzkontrolle, kurz eine Simkarte erstanden, Zugticket gekauft und drei Minuten später saß ich auch schon in ebenjenem Zug, der mich ohne Umstieg direkt an den Bahnhof in der Nähe meiner Unterkunft bringen sollte. Ein super erster Eindruck des Landes, der sich in den folgenden Tagen auch noch verstärken sollte. Japan war gefühlt alles, was China nicht ist und ich fühlte mich pudelwohl.

Im Vorfeld war ich ziemlich begeistert gewesen, denn ich konnte im englischen Onlineshop von Kawasaki Frontale problemlos ein Ticket bestellen. Ich hatte geistesgegenwärtig noch einen Screenshot auf meinem Handy gemacht, aber ich hatte auch fest damit gerechnet, dass ich noch eine Bestätigungsmail bekommen würde. Leider war das aber nicht der Fall und alle Versuche den Kundensupport einzuschalten, scheiterten. So hatte ich das Kunststück vollbracht, dass ich am Anreisetag im Conveniencestore problemlos Tickets für zwei weitere Spiele gekauft hatte und gleichzeitig das Ticket für das heutige Spiel nicht zugänglich war.

Nun gut! Ich stellte mich also darauf ein die Situation am Stadion klären zu müssen. Mit der Metro ging es in Richtung Kawasaki. Der Nahverkehr in Tokio ist exzellent und auch nicht so teuer, wie man denken würde und wie westliche Groundhopper einem glauben machen wollen. Der einzige Haken ist, dass die Bahnlinien teilweise von unterschiedlichen Betreibern organisiert werden. Das führte dazu, dass ich am Einstiegsbahnhof kein durchgehendes Ticket buchen konnte. Nach viel Hin- und Her einigte ich mich mit der hilfsbereiten Schalterfrau darauf, dass ich zunächst ein Ticket bis zum Umsteigebahnhof lösen würde. Am Umsteigebahnhof stand dann aber sofort der nächste Zug bereit, sodass ich einfach mal einstieg.

In Kawasaki angekommen, hätte ich dann wohl für den Differenzbetrag noch nachlösen müssen. Da die Schranke aber nicht ganz schloss und der Tonprotest auch eher halbherzig war, entschloss ich mich, dass es so wohl auch irgendwie gehen würde. Ich war eine Station früher ausgestiegen, um meinen Zeitpuffer für einen etwas längeren Spaziergang zu nutzen. Zunächst ging es über eine schicke Brücke und einen großen Fluss. Links und rechts schossen verschiedene Bahnlinien an einem vorbei. So weit so Japanklischee. Was mich jedoch die ganzen Tage begeistern sollte, war die Ruhe, die Ordnung und eben auch die „flache“ Topographie der Stadt. Die meisten Viertel waren eher zweistöckig bebaut, verkehrsberuhigt und es machte einfach richtig Spaß mal wieder durch eine entspannte Stadt zu flanieren.

Am Stadion wurde ich dann fachkundig zum Ticketcontainer gewiesen. Dort fragte ich zunächst nach, ob jemand Englisch könne. Schon immer absurd, dass die jungen Damen, die bestimmt gut ausgebildet wurden, in Asien dann immer in Schockstarre verfallen. So musste die einzige Frau über 50 einspringen. Sie machte das einwandfrei und nach wenigen Minuten konnte ich meinen QR Code auf deren Laptop abfotografieren und war startklar.

Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zum Anpfiff und so schaute ich mir die Essensstände vor dem Stadion an. Das übrigens bei wunderbar milden Temperaturen um die 20 Grad. Ich entschied mich für eine spektakuläre „Espetada de carne“ bei einem brasilianischen Stand. Das war geschmackliche Championsleague. Dann betrat ich das Stadion und mir dämmerte es schnell, dass ich den Stadionplan nicht wirklich kompetent gelesen hatte. Ich hatte mir anscheinend Karten für den Stimmungsblock der Heimfans gekauft. Haja…

Aber blöd stellen, kann man sich als Groundhopper ja gut. Zusätzlich hilft es, dass in Asien die Leute glaube ich auch schon ein wenig denken, dass Ausländer auch blöd sind. So brauchte es zwar zwei Anläufe, aber dann konnte ich am Ordner vorbeihuschen und den Zugang zur Gegentribüne nehmen. Dann lief ich noch an ein paar Barrikaden vorbei und entschied mich für einen schönen Platz auf der Höhe der Mittellinie.

Auf dem Weg dorthin, hatte ich von der Heimfanszene noch einen Flyer in die Hand gedrückt bekommen. Der kleine Haken an dem neuen Platz war, dass ich einen nicht ganz uneingeschränkten Blick auf die Heimkurve hatte- aber das war zu verschmerzen. Das Publikum um mich herum war spannend. Viele Leute kamen offensichtlich direkt nach der Arbeit ins Stadion und so war die Anzahl der Menschen im Anzug oder in Businessoutfit ziemlich hoch. Fast alle hatten aber ein Trikot dabei und zogen das dann auch über den Anzug, was ich sehr charmant fand.

Aus Thailand waren circa 200 Fans mitgereist, die im Laufe des Spiels immer mal wieder ein Lied anstimmten, aber nicht durchgängig supporteten. Die Heimfanszene dagegen überzeugte mich mit schönen Melodien und einer beeindruckenden Geschlossenheit. In ihrem Block war die Mitmachquote bei 100% und so wurden viele Fahnen geschwenkt, geschlossen gehüpft und 90 Minuten die Mannschaft unterstützt. Es wirkt auch immer so, als ob die Fans alle eine musikalische Grundausbildung genossen haben. Die Gesängen waren wirklich wunderbar melodisch und verzauberten mich. Die Positionierung erinnerte mich ein wenig an die Ultras beim 1.FC Nürnberg. Die Fanszene von Kawasaki fand sich im Eckblock ein und der Rest der Kurve war mit zahlreichen Zaunfahnen abgeflaggt. Portugiesisch und Italienisch waren auf den Zaunfahnen die Sprachen der Wahl.

Das Spiel war spannender als im Vorfeld gedacht. Kawasaki ging durch einen Elfmeter in Führung. Der Schütze überzeugte durch einen starken Jubel. Er zählte gemeinsam mit der Gegentribüne (also auch mit mir) bis Drei und machte dann einen Faustjubel wie aus einer Animeserie. Nach einem krassen Torwartfehler, konnte Patham United ausgleichen. Natürlich traf ein Exspieler von Kawasaki. Das wiederholte sich dann ein weiteres Mal. Kawasaki ging durch einen Elfmeter in Führung und nach einem Distanzschuss konnte der Ex-Spieler von Kawasaki den Ausgleich erzielen. In der zweiten Halbzeit konnte Kawasaki dann aber den Sack zumachen und mit 4:2 gewinnen. Der Wendepunkt war eine rote Karte nach einem rüden Einsteigen von einem Patham United Spieler.

Nach dem Abpfiff zeigte sich der Sportsgeist der beiden Mannschaften. Gefühlt sind Japaner und Thais mit Blick auf die Höflichkeit auch Brüder im Geiste. So zog zunächst die Mannschaft von Kawaski vor den Gästeblock, verbeugte sich und bedankte sich für die Unterstützung. Dann ging es vor die Heimkurve mit dem gleichen Programm und zwei Spieler wurden auf ein Podest gebeten und richteten mit dem Megaphon Worte an die Kurve. Die Gäste gingen erst zu ihren Fans, warteten dann artig, bis die Heimkurve frei wurde und bedankten und verbeugten sich auch da. Der Ex-Spieler durfte auch ein paar Worte sagen, wurde frenetisch gefeiert und bekam noch eine Ananas als Gastgeschenk überreicht.

Ich möchte wirklich kein schlechtes Wort über diese Art von Fankultur verlieren. Irgendwie ist es einfach herzzerreißend niedlich und schön. Nach dem Spiel ging ich dann zur Metrostation und begoss den Länderpunkt noch mit einem Highball und vertilgte ein paar unfassbar leckere Gyoza.

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