12.11.2023 Urawa Red Diamonds- Vissel Kobe 1:2

Saitama Stadium 2002

Zuschauer: 48.144

J-League

Am letzten vollen Tag meines Kurzausflugs in Tokio stand noch ein echtes fußballerisches Highlight bevor. Die Urawa Red Diamonds sind sicher einer der berühmtesten Clubs Asiens und sie haben gerade im vergangenen Jahr zum dritten Mal die asiatische Championsleaugue gewinnen können. Auch die Fanszene von Urawa Red Diamonds gehört zu den bekanntesten Kurven Japans und vermutlich des ganzen Kontinents.

Entsprechend ging es für mich voller Vorfreude nach Saitama- wieder einmal eine eigenständige Millionenstadt in der Metropolregion Tokio. Bei leichtem Nieselregen ging ich am Vormittag mit dem genialen Plan aus dem Haus zu einem circa fünf Kilometer entfernten Bahnhof zu laufen, um wieder durchfahren zu können. Auf dem Weg wollte ich noch einen Zwischenstopp im Kunstmuseum für westliche Art machen. So weit so clever- doch im Museum stellte ich fest, dass ich meine Eintrittskarte nicht eingepackt hatte. Also zurück ins Hotel und dann folgte ohne Zwischenstopp der nächste Gewaltmarsch.

Vielleicht durch diesen Lapsus entdeckte ich aber einen genialen Snack- gebratene Auberginen, die in einem Honigmantel eingelegt waren. Das war großer Sport und so hat alles im Leben seinen Sinn. Ich stieg dann in die Metro und erstmals sah man zumindest im Wagen vereinzelte Fußballfans in den Vereinsfarben von Urawa. Am Bahnhof der Metro angekommen traute ich dann meinen Augen kaum: Überall waren Fans von Urawa. Während man bei allen drei vorangegangen Spielen selbst im Stadionumlauf kaum erahnen konnte, dass es ein Fußballspiel geben würde, herrschte hier Volksfeststimmung. Überall waren Menschen, es gab lange Schlangen vor den Conveniencestores und auch draußen schoben sich zahlreiche Menschen den letzten Kilometer entlang zum Stadion. Wow!

Ich machte einen kleinen Schlenker, um in einer etwas ruhigeren Parallelstraße zu laufen und den Massen ein wenig zu entkommen. Auch am Stadioneingang waren dann recht lange Schlangen, aber die Kontrollen waren effizient und so war ich wenige Minuten später im Inneren des Stadions. Wie der Name des Stadions bereits andeutet, wurde dieses für die WM 2002 gebaut. Von außen sah es wie falsch abgestellt mitten im Nirgendwo aus. Aber von Innen fand ich es recht ansehnlich und die Dachkonstruktion erinnerte mich an das Stade Velodrome (nicht, dass ich da schon gewesen wäre- aber bekannt aus Funk und Fernsehen). Ich nahm die Treppen in den Oberrang und dann meinen Platz ein.

Sportlich ging es hier um einiges. Wir befanden uns am drittletzten Spieltag und Kobe war Tabellenführer. Durch einen Sieg, hätte Urawa zumindest die rechnerische Möglichkeit auf die Meisterschaft behalten können. Dementsprechend lag Anspannung in der Luft und die Zuschauerzahl war ziemlich hoch. Etwas erstaunt war ich über die große Anzahl an ausländischen Touristen. Ich hätte vermutet, dass Saitama dafür zu abgelegen ist- aber nun gut.

Von meinem Platz hatte ich einen tollen Blick auf die Kurve von Urawa und ich konnte den Blick kaum abwenden. Die Kurve war wirklich riesig und auch hier lag die Mitmachquote bei nahezu 100%. Die Kurve startete mit einer riesigen Blockfahne auf der stand: „I can’t stop falling in love with you“ mit einem großen Herzen und der Nummer 12. Vielleicht war es aber meine Erwartungshaltung- gerade in der ersten Halbzeit war ich trotzdem nicht vollends überzeugt. Gerade die sehr einfachen Melodien und das lange „Halten“ der Lieder gefiel mir eher nicht so gut.

Die Gäste aus Kobe gefielen mir einen Hauch besser. Sie hatten zu Beginn des Spiels eine Choreo. Das Motiv erinnerte mich an dieses Recruiting Plakat der US-Armee mit dem Spruch „I want you“. Das sah mir aus wie die japanisch angepasste Version davon mit einem maritimen Look, was gut zur Hafenstadt Kobe passte. Als kleines Gimmick bewegte sich der Finger der Figur. Sprach mich ziemlich an. Auch vom Support war das im gesamten Spielverlauf ein starker Auftritt. Angetrieben vom unteren Drittel des Blockes, konnten sie sich gut gegen die Heimkurve behaupten.

In der zweiten Halbzeit wechselte ich dann wie gewohnt den Platz und suchte mir eine kleine Lücke im oberen Bereich des Blockes. Nun war ich näher an den Gästen und mir fiel auf, dass auch im neutralen Bereich einige Leute Kobe die Daumen drückten. Die Heimkurve drehte in der zweiten Halbzeit aber noch einmal auf und gefiel mir auch in puncto Liedauswahl noch einmal deutlich besser.

Urawa ist eine der wenigen japanischen Fanszenen, die auch mal durch richtige Negativschlagenzeilen auffällt. Im Jahr 2014 sorgte ein „Japanese Only“ Banner im Kurveneingang für einen großen Skandal und sorgte für ein Geisterspiel als Strafe. In diesem Jahr sorgte man nach dem Ausscheiden im japanischen Kaiserpokal für einen Platzsturm. In der Folge gab es etliche Stadionverbote (jedoch für maximal 16 Spiele), vor allem für Mitglieder der Urawa Boys.

Skandale auf den Rängen? Nichts gegen den Skandal auf dem Platz. Kobe ging in der 70. Minute durch einen sehenswerten Kopfballtreffer unter großem Jubel des Gästeblocks in Führung. Eine absolute Willensleistung und damit sprang man in der Blitztabelle wieder auf Platz 1. In der 91. Minute konnte Urawa nach etwas Gestocher den Ausgleich erzielen. Um die rechnerische Chance auf den Titel zu wahren, brauchte man aber einen Sieg (selbst dann wären es aber 5 Punkte Rückstand bei 2 verbliebenen Spielen gewesen). Bei einem Freistoß von der Mittellinie entschied dann Urawas‘ Torwart mit nach vorne zu kommen. Ich konnte es bereits in dem Moment nicht fassen. Kobes Keeper kam heraus, fing den Ball ab und schlug einen perfekten langen Ball. Der Kobe Spieler blieb cool und schoss den Ball aus circa 40 Metern in das leere Tor. Durch diesen Sieg hat Kobe jetzt zwei Punkte Vorsprung auf die Yokohama Marinos. Sonst wäre man punkt- und fast torgleich gewesen. Anstelle der Marinos würde ich vor Wut schäumen.

Verständlicherweise eskalierte der Gästeblock vor Freude, während die Heimkurve komplett ernüchtert war. Bei allem Verständnis dafür die theoretische Chance auf den Titel zu wahren- das kann man nicht bringen, wenn man eben nur Dritter ist. So in das Meisterschaftsrennen einzugreifen ist unredlich. Auf fehlende Erfahrung darf der Torwart auch nicht plädieren, denn er ist 37 und hat Länderspiele für Japan bestritten.  

Ich guckte mir noch die Reaktionen der Kurven an und verließ dann langsam das Stadion. Im Schneckentempo ging es voran, sodass ich mit einigen Leuten den Weg quer über ein Feld einschlug. In der Folge ging es dann durch die nicht so sehenswerten Ausläufer von Saitama. Ich kehrte noch in ein schönes Grillrestaurant ein, das ob der Berge an Essen und der Preispolitik jeden Hopper beglückt hätte und fuhr dann wehmütig zurück nach Tokio. Was für eine Wahnsinnsstadt. Das machte richtig Laune!

Hinterlasse einen Kommentar