27.01.2024 SV Wehen Wiesbaden- Hertha BSC 3:1

2. Bundesliga

Zuschauer: 10.454

Stadion Wiesbaden

Keine 24 Stunden nach der Ankunft in Deutschland ging es für mich auch schon wieder los zum Auswärtsspiel in Wiesbaden. Der Bahnstreik brachte die Anreisepläne gehörig durcheinander und so fuhr ich nun mit dem Auto anstatt wie geplant mit dem Zug nach Wiesbaden. Sehr luxuriös, denn ich wurde direkt vor der Haustür eingesammelt. Vielen Dank an dieser Stelle dafür. Die Abholzeit rechnete ich mir noch schön. Da mein Körper sich sowieso noch halb in der Pekinger Zeitzone befand, klang 12:30 Abfahrt Pekinger Zeit einfach besser als 05:30. Vermutlich war ich heute aber der am besten ausgeschlafene Herthaner, denn ich war am Vorabend gegen 18:00 ins Bett gefallen.

So ging es gut gelaunt in Richtung Wiesbaden. Die Autobahn war frei und durch gute Gespräche waren wir bereits hinter Leipzig, als wir das erste Mal geblinzelt hatten. So waren wir sehr gut in der Zeit und konnten einige Pausen machen. Die einzige Verzögerung entstand unmittelbar vor dem Stadion, denn dort war die Zufahrt auf den Gästeparkplatz durch die Polizei lange blockiert. Vermutlich, da der Weg direkt an der „Heimkurve“ vorbeiführte. Auch stark, dass die uns erst am Stadteingang von Wiesbaden „finden“ und dann erst einmal in Panik geraten.

Ich war heute zum dritten Mal in Wiesbaden. Verrückterweise, war das jedoch das erste Pflichtspiel zwischen Hertha und Wiesbaden. Erstmals bemerkte ich den Helmut-Schön Sportpark, der direkt hinter dem Gästeblock der heutigen Spielstätte lag. Da die Tür geöffnet war, machten wir eine kleine Groundbegehung und das Fazit war eindeutig: Warum spielen wir denn nicht hier? Das sah echt lecker aus.

Der Einlass war dann auch eher zäh und nachdem man diese Hürde übersprungen hatte, wurde man mit einem Matschbad belohnt. Es fühlte sich wirklich so an, als ob man immer in Bewegung bleiben musste, um nicht im Matsch zu versinken. Kann man den Boden nicht asphaltieren, liebes SV Wehen Wiesbaden? Den Block fand ich auch eher unschön. Eine billige Stahlrohtribüne, ein zu tiefes Mundloch und daraus resultierend ein richtiges Ölsardinenfeeling, das die Positionierung erschwerte. Wir standen relativ dicht am Mundloch, sodass ein ständiger Durchgangsverkehr herrschte.

Für die Fanszene war es heute der Versuch einer Rückkehr zur Normalität nach dem tragischen Tod von Kay Bernstein. Ich war an dem Dienstag der Nachricht noch selbst Fußballspielen in einer westlichen Botschaft in Peking. Aus Sicherheitsgründen muss man dort sein Handy einschließen. Als ich das Handy entnahm und öffnete, konnte ich es einfach nicht fassen. Im Endeffekt lief ich bei eisiger Kälte unter Tränen und in Schockstarre den Weg nach Hause, weil ich einfach keinen anderen Entschluss fassen konnte und erst einmal alleine sein wollte.

Selten hat ein Tod so etwas in mir ausgelöst. Auf der einen Seite fühlt man zu Menschen mit einer Kurvenvergangenheit eine besondere Verbindung. Man hat an das gleiche geglaubt, für das gleiche gekämpft und teilt viele Werte und Ideale. Das war schon immer das Faszination an der Fankurve, dass man zu Leuten, die man auch eher vom Sehen kennt, eine tiefere Verbindung spürt als in anderen Lebensbereichen.

Auf der anderen Seite stand Kay natürlich für Hertha BSC und war ein Symbol dafür, dass ein anderer Fußball möglich ist. Dass dies nun einfach vorbei sein soll- ist schwer zu fassen und zu glauben. Und die unfassbare Ungerechtigkeit, dass es einen Menschen trifft, der fast universal geschätzt, gemocht und bewundert wurde- ist einfach zum Haare raufen.

Die Ostkurve Hertha BSC beteiligte sich heute wieder an der Aktion der Fanszenen Deutschlands und schwieg die ersten 12 Minuten aus Protest gegen den Investoreneinstieg in der DFL. Mit der zwölften Minute starteten wir eingehakt mit einem knallenden „Hertha BSC heißt unser Verein, Hertha BSC wird es immer sein.“. Passender hätte man nicht starten können und die bewundernden Blicke der umliegenden Tribünen unterstrichen, dass man auch lautstärketechnisch ziemlich brachial unterwegs war.

Die Fanszene aus Wiesbaden zeigte kurze Zeit später ebenfalls ein Spruchband in Gedenken an Kay, das für tosenden Applaus aus der Gästekurve sorgte. Eine knappe Minute knallte der Applaus und auch die umliegenden Tribünen stiegen mit ein. Noch einmal ein wahnsinniger Moment und nicht nur mir schossen in diesem Augenblick einmal mehr die Tränen in die Augen. In der Folge wurden die Gesänge recht lange von vielen Herthanern getragen. Gemessen an den Umständen ein würdevoller Auftritt.

Im Heimbereich waren nur circa 100 Leute dauerhaft am Support beteiligt. Für einen Zweitligisten war das schon etwas erschreckend. Das Tifobild gefällt mir auch nicht so wirklich. Naja.

Das Spiel war schon extrem bitter. Mit einer Niederlage hatte ich heute wirklich nicht gerechnet- aber mit Blick auf den Spielverlauf war die durchaus verdient. Hertha war erschreckend schwach in der Offensive und einmal mehr waren eklatante Schwächen in der Defensive festzustellen. So steigt man nicht auf.

Nach dem Spiel stimmten wir die Mannschaft noch auf das Pokalspiel am Mittwoch ein. Jungs, macht uns stolz und lasst uns träumen! Wir machten dann relativ schnell los und erreichten dann bereits um 20:00 das Zuhause. Trotz des furchtbaren Spiels, ein wirklich schöner Tag. Es fühlt sich gut an wieder da zu sein.

Danke an einen NRW Atzen für das Bild.

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