31.01.2024 Hertha BSC- 1. FC Kaiserslautern 1:3

DFB-Pokal

Zuschauer: 74.245

Olympiastadion: Berlin

„Wir träumen jedes Jahr vom Pokalfinale“

Mit welcher Inbrunst wir Saison für Saison dieses Lied trällern. Das zeigt wohl eindrucksvoll, wie man als Fußballfan und insbesondere als Herthaner zu einem Goldfisch-Gedächtnis neigt. Das Achtelfinale gegen den HSV war ein unfassbares Spiel, das ich leider noch auf der Couch in Peking verfolgen musste. In Peking wurde es bereits wieder hell, als Fabi Reese den letzten Elfmeter einschob und an Schlaf war in der Folge nicht mehr zu denken.

Die Auslosung hätte mit einem Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern kaum besser laufen können. Im Vorfeld war natürlich klar, dass es kein Selbstläufer werden würde, aber man hatte zumindest eine realistische Chance auf ein Weiterkommen. Die Buchmacher sahen uns in diesem Spiel als den klaren Favoriten. Mit Blick auf die verbliebenden Mannschaften im Lostopf war die Chance auf ein Finale im eigenen Stadion wohl noch nie so groß.

Am Vorabend fand sich eine stattliche Anzahl von Herthanern im Stadion ein, um die kurzfristig anberaumte Choreo vorzubereiten. Es war wieder ein wahnsinniges Gefühl im kleinen Kreis in diesem wunderbaren Stadion zu sein. So lief ich fast die gesamte Vorbereitungszeit mit einem dümmlichen Grinsen durch die Gegend. Ich war für die Anbringung des Spruchbands im Oberring eingeteilt und da beim Ausrollen einige Buchstaben Schaden genommen hatten, waren wir ziemlich lange mit den Ausbesserungs- und Anbringungsarbeiten beschäftigt. Zum Glück gibt es in unserer Fanszene zahlreiche Leute, die ein technisches Verständnis haben und so konnte ich mich in wichtigen Momenten auf das Kopfnicken konzentrieren. Gegen 23:00 verließ ich dann das Olympiastadion und es ging zurück nach Potsdam.

Am Spieltag entschied ich mich für den Ausstieg am Südtor, um noch einen Blick auf die Kaiserslauterner Fanschar werfen zu können. Viel zu sehen, gab es nicht, aber ich überhorte die Worte eines Polizisten, der von vier Szenebussen sprach. Dann ging es den kleinen Pfad entlang in Richtung Osttor. Es war gerade Stadionöffnung und an einem der rechten Eingänge kam ich ohne Wartezeit direkt ins Stadion. Auf zum Kleberverkauf, ein paar Gespräche geführt und dann konnte ich sogar noch beweisen, dass ich wenig verlernt hatte. Schon krass welche Ausmaße der Verkauf mittlerweile angenommen hat. Vor fünf Jahren standen wir da sprichwörtlich manchmal im Regen und waren teilweise verzweifelt am Versuchen die letzten Kleber zu verkaufen. Mittlerweile hat sich die Auflage vervielfacht und der Verkauf ist eher ein Selbstläufer- wobei Teile der Herthaner auch immer noch Allüren an den Tag legen und einen „Aufklebermix“ fordern. Respekt für solch ein Chuzpe, wenn hinter einem 30 wartende Leute stehen.

Um kurz nach 8 ging es dann für eine kleine Gruppe erneut in den Oberring, um das Zeigen des Spruchbands zu koordinieren. Also zwängten wir uns in die erste Reihe und mein Herz begann langsam ganz schön zu pochen. Die Aufregung bezüglich des Spiels, mischte sich mit der Aufregung, ob die Choreo wohl funktionieren würde. Aufgrund der Schweigeminute für Franz Beckenbauer mussten wir etwas früher mit der Aktion starten. Die Durchführung klappte reibungslos. Auf den Spruchbändern wurde ein Zitat des letzten Social Media Posts von Kay Bernstein gezeigt: „Lasst uns diese Gemeinschaft pflegen und stärken, um daraus Kraft zu gewinnen, die uns nicht nur träumen, sondern auch Ziele erreichen lässt“. Mit einer Mischung aus Folie und Zetteln wurde dann noch im Unterrang ein „Wir Herthaner“ gezaubert. Ich fand es wirklich wieder sehr gelungen und insbesondere die Detailverliebtheit, wie zum Beispiel bei den Schattierungen der Buchstaben, lässt mich immer wieder staunen.

Da sich dann der Schiri anscheinend verletzt hatte, kamen die Spieler mit Verspätung auf das Feld. Der einzige Schönheitsfehler, denn die Mannschaft bekam die Choreo dadurch nicht zu Gesicht. Schade, aber leider nicht kontrollierbar und sobald die ersten Leute die Pappen zerknüllen und werfen, ist die Gruppendynamik leider nicht mehr aufzuhalten.

Durch eine Misskommunikation drückte ich mich dann vor dem Abtransport des Spruchbands (Sorry!) und ging runter in die Kurve. Diese war völlig überfüllt und so waren die Treppen eigentlich bereits am Eingang unpassierbar. Sowohl im Oberrang als auch im Unterrang gab es auch 2-3 blöde Sprüche für angebliches „Zuspätkommen“. Dass Leute dann selbst nach der Erklärung, dass man für die Choreo eingeteilt war, weiterpöbeln, ist ziemlich erschreckend. Keine Ahnung, ob das jetzt eher Gelegenheitsfans waren- aber in der oben angesprochenen Gemeinschaft sollte ein respektvoller Umgang miteinander schon dazugehören. Es waren ausdrücklich eher Ausnahmeerscheinungen, aber Herthaner geht einfach vernünftig miteinander um- wechselt mal einen freundlichen Satz. Es schadet nicht!

Da alleine die Hauptstadtmafia um die 50 Gäste hatte, war auch dieser Bereich wenig überraschend völlig überfüllt und wir waren froh, dass wir immerhin noch ein Plätzchen auf der Treppe fanden. Krasser Perspektivwechsel, denn insbesondere im Oberring sah die Kurve einmal mehr absolut gewaltig aus. Kurze Zeit später dann so weit unten zu sein, war krass.

Kaiserslautern startete mit einer schönen optischen Aktion in die Partie. Im Oberring hing ein großes 1.FC Kaiserslautern Spruchband. Im Unterring wurden dann weiße Folienschals und oben rote Folienschals gezeigt, was ein schönes Bild ergab. Danach gab es zunächst rote und weiße Rauchtöpfe, bevor dann auch zahlreiche Fackeln gezündet worden. Zuvor hatte man sich unter den Schwenkfahnen vermummt. Auch im Laufe der Partie wurden immer wieder abhängig vom Spielverlauf Fackeln gezündet. Akustisch kam vor allem nach den Toren etwas in der Ostkurve an. Circa 10.000 Lautrer mit Besuchern aus Stuttgart und Metz unterstützten an diesem Mittwochabend ihre Mannschaft. Nach dem Spiel zeigten sie dann noch die Pokalsieger Fahne. Ein gelungener Auftritt.

Den Ostkurvenauftritt aus der Kurve zu bewerten, fällt wie gewohnt schwer. Voll war es allemal und über weite Strecken war auch die Mitmachquote gut. Der Spielverlauf und die sich breitmachende Unterstützung und Enttäuschung führten aber sicherlich zu keinem Sahneauftritt. Zu selten, schwappte der Funken auf das gesamte Stadion über. Ich hatte auf einen anderen Verlauf des Tages gehofft.

Die Mannschaft muss sich Kritik gefallen lassen. Das war für so ein Spiel zu wenig. Über die spielerischen Defizite könnte ich noch hinwegsehen, aber Kaiserslautern wollte diesen Sieg einfach mehr. Der Einsatz und die Einstellung im Zweikampf stimmten auf der Blau-Weißen Seite einfach nicht. Dazu kommen die mittlerweile schon gewohnten eklatanten Schwächen in der Defensive und komplette Einfallslosigkeit in der Offensive. Mit der Einwechslung von Fabi Reese zur zweiten Halbzeit keimte noch einmal etwas Hoffnung auf. Wahnsinn, wie der das Stadion zum Beben bringt. Danach folgte eine Druckphase, aber leider konnte insbesondere Tabakovic den Ball nicht im Tor unterbringen. Durch einen erneuten „Schweinepass“ von Bouchalakis kam Kaiserslautern zum 0:3 und somit zur Entscheidung. Fabi Reese erzielte noch den Ehrentreffer, aber es blieb bei einer sang- und klanglosen Niederlage.

Die Mannschaft wurde in der Kurve immer noch recht freundlich empfangen und auch in der Ansprache des Vorsängers wurde der Fokus auf die tolle Pokalsaison bis dahin gelegt. Der Abbau dauerte dann lange und so war der neue Tag schon lange angebrochen, als ich in Richtung S-Bahnhof lief. Das war DIE Chance und wir haben sie leichtfertig verspielt. Insbesondere die erste Halbzeit war frech.

Und dennoch wird der Goldfisch in mir sich auch in der nächsten Saison wieder durchsetzen und singen: „Wir träumen jedes Jahr vom Pokalfinale“.

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