2. Bundesliga
Zuschauer: 58.013
Olympiastadion: Berlin
Am Samstag spielte unsere geliebte alte Dame schon wieder im Berliner Olympiastadion. Ich entschied mich für eine kurzfristige Anreise, um noch mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Mit dem Regio ging es nach Charlottenburg, wo ich mich mit zwei Herthanern zum Abendessen in einer Berliner Eckkneipe traf. Das Schnitzel war die gewohnte Hausnummer und so ging es mit einem sehr gut gefüllten Magen in Richtung Olympiastadion. Die letzten Meter ging legten wir von Neu-Westend aus zu Fuß zurück. Für mich gibt es keinen besseren Weg, um die Atmosphäre aufzusagen und sich auf das Spiel einzustimmen. Wir kamen recht entspannt durch den Einlass und entschieden uns dafür heute direkt runter in die Kurve zu gehen.
Dort war die Platzsituation heute deutlich entspannter und so konnten wir die Zeit bis zum näherkommenden Anpfiff mit angeregten Plaudereien überbrücken. Große Erwartungen hatte ich heute nicht. Zu enttäuschend waren die letzten Auftritte der Mannschaft. Auf eine Art wäre ich auch ziemlich genervt gewesen, wenn man das Pokalspiel so sang- und klanglos verliert und im Anschluss mal eben den HSV schlägt.
Nach der mittlerweile fast schon zur Gewohnt werdenden „Wir vermummen uns 10 Minuten unter den Schwenkfahnen“ Aktion, zauberte der HSV ein eindrucksvolles Intro in den Block. Zum Motto „Stadt Hamburg in der Elbe Auen, Wie bist Du stattlich anzuschauen“ gab es neben zahlreichen Fackeln auch blaue Rauchtöpfe. Der Wind spielte den Hamburgern in die Karten und sorgte für eine hübsch anzusehende Rauchverteilung. Bei dem Mottospruch handelt es sich um einen Ausschnitt aus der so genannten Hamburg Hymne, die bereits 1828 entstand und auch heute noch bei offiziellen Anlässen in der Hansestadt verwendet wird. In der Folge verzögerte sich der Anpfiff und der Rauch kam kurze Zeit später bei uns in der Ostkurve an.
In der ersten Halbzeit sorgten die HSV Fans dann für eine Unterbrechung des Spiels, in dem sie Tennisbälle auf das Spielfeld warfen. Zeitgleich wurde in unserer Ostkurve ein Protestspruchband gezeigt. Nach etwa fünf Minuten ging es dann weiter.
In der zweiten Halbzeit tauschten wir dann die Rollen und die Ostkurve Hertha BSC sorgte für eine längere Spielunterbrechung durch Tennisbälle. Danke an den Erfinder der Hunde-Ball-Schleudern, der auch die Überbrückung weiterer Distanzen ermöglicht. Aus der Ostkurve eine Unterbrechung zu erzwingen ist ja gar nicht so einfach. Nach circa 20 Minuten verlor der Schiedsrichter die Hoffnung und schickte die Mannschaften in die Kabine. Pál Dárdai und Marius kamen kurz in die Kurve, suchten das Gespräch und kommunizierten den aktuellen Stand. Es war dann klar, dass bei einer weiteren Unterbrechung das Spiel abgebrochen würde. Schön, dass in solchen Situationen der „Drei-Punkte-Plan“ angewendet wird und man bei Rassismusvorfällen ein Auge zudrückt…
Ich muss gestehen, dass ich mit diesem Spielabbruch ziemlich geliebäugelt habe, um ein deutliches Zeichen zu setzen. In Gesprächen im Nachgang mit dem Klabauterkeaper, muss ich meine Meinung aber revidieren. Zum einen, hat man eindrucksvoll das Livespiel genutzt, um noch einmal Aufmerksamkeit auf den Protest zu lenken. Mit einem Spielabbruch wäre die „Skandal-Medienmaschine“ wieder losgegangen. So wurde der Protest weitestgehend positiv besprochen und es gab genug kognitive Kapazitäten, um sich auch mit den inhaltlichen Punkten des Protests auseinanderzusetzen. Zudem zeigte man eindrucksvoll, wie man während des gesamten Prozesses „unter Kontrolle“ agierte und eben auch aufhörte, als das die Ansage war. Zudem hat man so noch eine weitere Patrone, in der weiteren Auseinandersetzung mit der DFL. Während des Protestes wurde das Spruchband: „Strategische Partner in Bremen- Porsche, VW & Audi bei zig Vereinen- Investorenwahnsinn endlich stoppen ob in der DFL oder den Vereinen“ gezeigt.
Respekt an die Fanszene aus Hamburg. Es gab gemeinsame Gesänge gegen die DFL und ich hatte auch den Eindruck, dass sie uns während des Protestes ein Stück weit die Bühne lassen. Auch das Timing des Gedenkspruchbandes für Kay war großartig und bewies ein tolles Fingerspitzengefühl und sorgte für einen weiteren emotionalen Moment. Den Schiri empfand ich im Übrigen auch als kommunikationsstark und recht entspannt.
Abgesehen von dem Protest, war es ein durchschnittlicher Auftritt unserer Ostkurve. Vielen war die Enttäuschung von Mittwoch noch anzumerken. Solide war es allemal, aber bei einem starken Gegner auf den Rängen, hätte man auch noch etwas mehr erwarten können.
Erst nach dem Führungstreffer des HSV wurde einem bewusst wie viele Hamburger im Stadion waren. Wenn man ehrlich ist, war es vermutlich ein Verhältnis von 50/50. Wobei vermutlich auch viele Berliner HSV Fans zugegen waren. Mit der Einwechslung von Fabian Reese ging ein erneuter Ruck durch das Team und nach einem Schuss von Reese konnte Tabakovic den Abpraller ins Tor schieben und ausgleichen. Hertha bleibt aber Hertha und so erzielte der HSV spät noch den Siegtreffer. Eine weitere bittere Niederlage und so muss man mittlerweile mehr nach unten als nach oben gucken. Der Einsatz war heute besser als am Mittwoch. Wie das sein kann, verstehe ich einfach nicht.
Nach dem Spiel nutzte Kreisel dann noch die Möglichkeit, um der Mannschaft die gewählte Form des Protestes zu erklären. Wieder einmal sehr starke Worte. Dass Fabi Reese die Sprechpunkte dann im Fernsehinterview direkt aufgriff, ist schon ziemlich witzig. Auch wenn der Einschub „Ich weiß zu der Problematik nicht so viel“ dann auch wieder erschreckend ist. Aufklärungsmedium: Fankurve.
Dann hieß es noch Abbau und für mich ging es dann relativ zügig mit der S-Bahn zurück nach Potsdam. Da habt ihr es: Der Protest war auch für mich schmerzhaft, denn viel zu früh klingelte am nächsten Tag bereits wieder der Wecker.
