2. Bundesliga
Zuschauer: 13.459
Sportpark Ronhof: Fürth
Ich freute mich unheimlich auf das Auswärtsspiel in Fürth. Zwar war ich im Jahr 2001 bereits einmal im Sportpark Ronhof- aber abgesehen von der dunklen Erinnerung, dass die Fans aus Oberhausen den Gästeblock mit rot-weißem Flatterband, absperrten, habe ich keinerlei Erinnerung mehr an den Stadionbesuch. Daher fühlte sich das fast nach Neuland an heute. Solche Erlebnisse sind insbesondere bei Auswärtsspielen mit Hertha eher rar geworden.
Früh klingelte der Wecker und mit dem Regio ging es nach Berlin und dann auch sofort in den ICE. Die Fahrt war für meinen Geschmack fast ein bisschen zu kurz. Nach einem kleinen Nickerchen widmete ich mich zwei blau-weißen Fanzines und so erreichten wir ruckzuck Erlangen. Dort noch in die S-Bahn eingestiegen und dann war ich um kurz vor 10 auch schon am Fürther Hauptbahnhof. Während in Berlin gestern noch wunderbares Wetter war, empfing mich Fürth leider mit ekelhaftem Regen. So drehte ich eine kleine Runde durch die Stadt, aber nahm dann recht zügig die Möglichkeit für ein zweites Frühstück in einem türkischen Café an. Darauf hatte ich richtig Bock und es schmeckte absolut vorzüglich.
Dementsprechend gestärkt, drehte ich dann eine kleine Runde durch Fürth- dankenswerterweise hatte der Regen etwas nachgelassen. Viel los war an diesem Sonntag nicht, aber die Gebäude waren durchweg sehr sehenswert und die Architektur erinnerte mich ziemlich stark an eine tschechische Stadt (Bekomme ich jetzt Ärger von den Architekturultras?). Mich zog es dann ins Ludwig-Erhard-Haus. Der Kanzler, der wie kein zweiter mit dem Konzept der sozialen Marktwirtschaft verbunden ist geborener Fürther.
Da ich am Eingang die Frage nach meiner Postleitzahl wahrheitsgemäß beantwortete, war dem Herren sofort klar, dass ich Herthaner war. Es entwickelte sich ein nettes Gespräch und er bot mir sofort an, dass ich den Museumsbesuch auch für das Fußballspiel unterbrechen und in der Zwischenzeit meinen Rucksack im Schließfach lassen könne. Richtig stark! Ich machte dann den ersten Teil des Museums, der anhand der Biographie von Ludwig Erhard auch die deutsche Geschichte noch einmal nacherzählte. Ich hörte mir die Rede Kaiser Wilhelms zum Beginn des ersten Weltkriegs an und ich musste feststellen, dass er diese mit einem kräftigen „Auf!“ schloss. Das klang schon sehr nach unserem Gebrülle im Block und so fragte ich mich in der Folge, ob die Parallele Zufall oder Absicht war.
Die letzten 30 Minuten ging es dann erneut durch den Regen zum Stadion. Dort hatte ich kurze Orientierungsschwierigkeiten, aber konnte letztlich doch auf recht direktem Wege den Gästeblock lokalisieren. Dort war dann gar keine Schlange am Einlass und so betrat ich um kurz vor 1 den Block. Ich hatte versucht den Besuch im Museum möglichst auszureizen. Also runtergequetscht und wie so oft den Fluchtweg blockiert. Ein paar Leute begrüßt und zur zweiten Hälfte verbesserte sich der Platz dann sogar noch ein bisschen.
Auch heute stand der Spieltag im Zeichen des Protests gegen den DFL Investoreneinstieg. Unter der Woche kam zumindest ein bisschen Bewegung in die Sache. Die DFL sah sich gezwungen eine Stellungnahme zu veröffentlichen (Absolut inhaltsleer) und einige Vereine, unter anderem Hertha unterstützten den Wunsch einer Neuabstimmung. In der ersten Halbzeit wurde die Unterbrechung durch die Fanszene Fürth herbeigeführt. Wir unterstützten die Aktion per Spruchband. Die Fürther Ultras vermummten sich und kletterten in den Innenraum, um direkt von der Bande die Tennisbälle auf das Spielfeld zu werfen. In diesem Rahmen entwickelte sich dann auch ein Gerangel zwischen den Protestierenden und der herbeieilenden Security. Wenn ich es auf den Fotos richtig sehe, gibt es auch ein Fangnetz vor der Heimtribüne. Trotzdem hätte man die Unterbrechung etwas eleganter und vor allem risikoärmer erreichen können. So blieb es auch bei einer verhältnismäßig sehr kurzen Störung.
In der zweiten Halbzeit waren wir dann an der Reihe. Praktischerweise hatten sich mittlerweile zwei große Löcher im Fangnetz gebildet, sodass die Unterbrechung bei uns leichter herbeizuführen war. Mit Goldtalern und Tennisbällen wurde dabei so lange gestänkert, bis die Mannschaften in die Kabine geschickt wurden. Zudem wurde im Gästeblock noch ein „einarmiger Bandit“ zusammengebaut und dann auf dem Zaun platziert. Der Protest ging dann über in eine kleine optische Aktion mit blauen- und weißen Luftballons. Sehr schön!
Fürth zeigte noch zahlreiche weitere Spruchbänder und richtete sich dabei direkt an potenzielle Investoren mit der Botschaft sich doch bitte eine andere Cash-Cow zu suchen. Zudem äußerte man Kritik an den hohen Eintrittspreisen für Gästefans. Da würde ich mich gerne anschließen. Ich war so bescheuert mein Auswärtsabo aufgrund des Auslandsaufenthalts nicht zu verlängern. Daher bin ich wieder in der bescheidenen Situation in den Ticketkampf zu ziehen. Für das Ticket zahlte ich am Ende 24,80€. Fürth scheint 18 Euro für das Ticket zu verlangen; Hertha knallt 10% Bearbeitungsgebühr drauf und der Versand kostet 5 €. Angeblich soll auch eine Abholung auf der Geschäftsstelle möglich sein- de facto ist aber im Portal nur Versand auswählbar. Das ist schon ziemlich dreist und frech auf allen Seiten.
Ich stehe der Fanszene Fürth sehr offen gegenüber. Ich habe Fürth schon öfter mal auswärts gesehen und trotz relativ geringen Mobstärken, fand ich die Auftritte meist rund. Das Urteil würde ich auch nach dem Spiel so fällen. Ein solider Auftritt der Heimkurve, der zwar nur circa 300 Leute dauerhaft erreichte, aber gerade zu Beginn der Partie auch ab und zu bei uns zu hören war. Auch optisch gefiel mir das und die Spruchbänder sprechen für eine gewisse Reife der Fanszene. Danke auch für das Gedenkspruchband für Kay Bernstein, das einmal mehr für Applaus des ganzen Stadions sorgte. Dass bisher ausnahmslos jede Szene in unseren Spielen per Spruchband ihr Beiled ausgesprochen hat, zeigt wie erwachsen Ultra in vielen Aspekten geworden ist. Vielen Dank!
Erneut schöpften wir das Gästekontingent voll aus und auch auf den Geraden waren einige Herthaner. Sehr beeindruckend wie viele Leute derzeit zu den Auswärtsspielen pilgern. Der Auftritt war ziemlich gut. Lediglich den Beginn der zweiten Halbzeit empfand ich als etwas zäh. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass alle auf den Protest warteten und die Hände mit den Luftballons gefüllt waren, sodass die Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. In Erinnerung bleiben wird das neue Lied, das einfach perfekt zu uns passt. Simpel, relativ melodisch und mir gefällt, dass man das Lied kaum schnell singen kann- die Schnelligkeit bei Liedern ist ja unser Kryptonit.
Wir feierten noch die Mannschaft und dann ging es für mich schnell zu Fuß in Richtung Innenstadt. Ab in den zweiten Stock des Museums, wo ich noch schnell die Sonderausstellung zu Henry Kissinger anschaute. Viele prominente Fürther… Mit der Aufseherin diskutierte ich noch unseren Protest und erklärte unsere Bedenken gegen den Investoreneinstieg. War irgendwie auch eine spannende Erfahrung jenseits unserer Bubble in das Streitgespräch zu gehen. Am Ende schien sie auf unserer Seite zu sein.
Ich hatte dann das große Glück, dass meine Zugbindung aufgehoben wurde. Warum genau verstand ich nicht- aber gut. Ich hatte eine ziemlich späte Rückfahrt ab Erlangen gebucht. So konnte ich entspannt nach Nürnberg und von dort mit dem Sprinter nach Berlin. Was ein Luxus! Ich passierte die Stadtgrenzen zu einer Zeit, wo ich normalerweise in Erlangen losgefahren wäre. So kann es gerne öfter sein und so war ich bereits um 20:15 zurück zu Hause. Eine wunderschöne Auswärtsfahrt, die mich auch noch einmal dafür sensibilisierte, dass es auch mal schön sein kann, einfach erkennbar als Herthaner durch fremde Städte zu reisen, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, anstatt immer inkognito durch die Welt zu reisen. Danke Fürth- bis bald!
