15.02.2024 BSC Young Boys Bern- Sporting Clube de Portugal 1:3

Euroleauge

Zuschauer: 31.500

Wankdorfstadion: Bern

In meinem Zimmerchen in Peking, drehte ich eines Abends durch. Viel zu intensiv verfolgte ich die Auslosungen der europäischen Pokalwettbewerbe. Als Sporting dann die Young Boys aus Bern als Gegner zog, versagte meine Impulskontrolle komplett. Sofort guckte ich nach möglichen Zugverbindungen und nach einem passenden Hotel. Nachdem beides eher günstig daherkam, machte ich einfach Nägel mit Köpfen und buchte. Der Hunger auf Fußball war nach den sehr begrenzten Möglichkeiten in China riesig.

Gut, dass ich so schnell Tatsachen schaffte, denn zwischenzeitlich plagten mich schon Zweifel ob der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens. Nicht zuletzt, da ich beim Kartenkauf weiter auf das Prinzip Hoffnung setzte. Als ich eine Mail an meine übliche Kontaktperson schickte und eine automatisch generierte Nachricht zurückkam, dass er da nicht mehr arbeitete, guckte ich erst einmal ein bisschen in die Röhre. Sporting verkaufte sein Kontingent nämlich nur an Dauerkartenbesitzer und so waren sofort keine Karten mehr verfügbar. Also hieß es hoffen, dass die Young Boys nicht alle Karten verkaufen würden. So kam es auch und so hatte ich erst eine Woche vor dem Spiel die Gewissheit ein Ticket zu haben.

Auch beim Kartenkauf brauchte man einige Straßenschläue, denn deutsche Kunden durften anscheinend keine Karten kaufen. Wild! Also brauchte es einen zweiten Anlauf mit der Adresse meines Schweizer Hotels. Nach dem Kartenkauf wurde mir dann mitgeteilt, dass das Ticket in der vereinseigenen App bereitgestellt wird. Richtig bitter und so schmiss ich wieder einmal meine Werte über Bord, denn ich war einfach schon zu weit in der Misere (Zug, Hotel und Eintrittskarte) um deswegen auf den Spielbesuch zu verzichten. Gibt es wirklich keine Leute ohne Smartphone mehr, die ein Spiel besuchen wollen? Schöne neue Welt.

Mit dem ICE ging es dann am Spieltag in Richtung Schweiz. Der Umstieg in Mannheim klappte noch gerade so, aber auf den letzten Metern in Basel war dann unser Einfahrtsgleis belegt, sodass ich dort noch den Zug verpasste. Zum Glück fahren die Züge in der Schweiz alle 30 Minuten und so drehte ich noch eine kleine Runde durch Basel und holte mir etwas Proviant für die letzten Meter. Eine Stunde später war ich dann in Bern und man muss wirklich erst einmal festhalten wie lächerlich schön die Schweiz ist. Erst ging es durch die malerische Altstadt und dann über eine schwindelerregende Brücke über die Aare. Der Blick über die Altstadt und die fernen Alpengipfel war schlicht und ergreifend gigantisch.

Ich sah auch noch den letzten verblassenden grünen Rauch der Sportinguistas, die eine Brücke links von mir in Richtung Wankdorfstadion zogen. Ich checkte dann noch schnell im Hotel ein (Selbst-Checkin und bargeldlos) – wie würde Vudi Röller hier denn überleben? Kurz noch mal frischgemacht und im nahegelegenen Supermarkt kam dann der deutsche Hopper in mir durch und ich kaufte 50% reduzierte Ware kurz vor dem Ablaufdatum. So machte ich mir ein schönes Picknick mit vier verschiedenen Schweizer Käsesorten, einem Weinbrot und für das Luso-Feeling noch ein Guaraná. Das alles im Berner Rosengarten mit tollem Panorama. Jetzt waren auch die Zweifel bezüglich der Sinnhaftigkeit wie weggefegt.

Auf zum Stadion und am Einlass direkt beim Scannen des QR-Codes blamiert. Ich hielt es wohl nicht auf den Scanner! Macht doch einfach echte Eintrittskarten für so unbegabte Menschen wie mich. Ich war nicht der einzige Sporting Sympathisant, der sich im öffentlichen Verkauf mit Tickets eingedeckt hatte. Die angrenzenden Blöcke im Ober- und Unterring waren sehr grün-weiß, sodass es am Ende bestimmt 5.000 Sportinguistas im Wankdorfstadion waren. Sicherlich viele davon auch aus der Diaspora.

Das Wankdorfstadion klingt natürlich insbesondere für deutsche Ohren nach etwas ganz Besonderem. Leider wurde das alte Wankdorfstadion im Jahr 2001 vollständig abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Es handelt sich um einen gesamten Komplex, in dem außerdem ein Shoppingcenter, eine Schule und Wohnungen integriert sind. Mit Blick auf die Platznot in vielen Städten ist die multiple Nutzung sicherlich sinnvoll und doch geht dadurch das Fußballflair immer ein bisschen verloren. Vielleicht störte ich mich aber auch vor allem daran, dass das Quartier in jeder europäischen Metropole hätte stehen können und keinerlei Wiedererkennungswert hatte.

Die Sportinguistas hatten vier große Schwenkfahnen der jeweiligen Gruppen (Directivo Ultras XXI, Juve Leo, Brigada Ultras und Torcida Verde) dabei und starteten mit einer kleinen optischen Aktion in die Partie. Unter dem Motto: „Rumo a Dublin“ (Auf dem Weg nach Dublin) wurden zahlreiche Fackeln und Blinker gezündet. Mein persönliches Highlight war der vermummte Ultra auf dem Trennzaun, dem dann einfiel, dass er noch ein Feuerzeug braucht. Die Fackeln waren gut im Block verteilt und so gab es ein schönes Bild.

Die Young Boys starteten mit einer sehr sehenswerten Choreo in die Partie. In Ober- und Unterrang der Kurve wurde im Zentrum eine Blockfahne mit einem schreienden Mund gezeigt. Dieser sagte: „Vertrouet es geit“. Ich hoffe, dass das auch wirklich bedeutet: „Vertrauet es geht“. Abgerundet wurde das Ganze durch schwarze Pappen an den Rändern. Das sah richtig gut aus. Der einzige Schönheitsfehler war, dass im Unterrang der Kurve ein Teil der Leute in den Außenblöcken keine Pappen hochhielt.

In der Folge ging das Duell auf den Rängen klar an die Young Boys. Angetrieben von einem starken Zentrum der Kurve, behielt man hier fast für 90 Minuten die Oberhand. Insbesondere die Schlachtrufe waren brachial laut. In den Seitenblöcken der Kurve war die Mitmachquote nicht ganz so hoch, was schade war, denn in der Mitte sah das super aus und hörte sich auch so an.

Ich fand den Gästeauftritt von Sporting heute etwas enttäuschend. Mit der Anzahl an Leuten wäre da deutlich mehr drin gewesen. Es gab immer mal wieder lautere Phasen, wenn auf einfache Gesänge gesetzt wurde- insbesondere zu Beginn der zweiten Halbzeit war es aber phasenweise auch wirklich sehr leise- wenn auch sehr melodisch. Gegen Ende wurde es noch einmal ein bisschen besser und so wurde die Mannschaft ausgiebig gefeiert. Die Film- und Selbstdarstellungsquote ist aber wirklich sehr hoch. Leider kein Zufall, dass Sporting auf den einschlägigen Telegram Gruppen sehr präsent ist.

Auf dem Rasen wurde richtig guter Fußball geboten. Insbesondere Sporting spielte wirklich einen tollen Ball. Man merkt einfach, dass Amorim ein richtig guter Trainer ist. Die Schnelligkeit der Spieler, die Ballsicherheit und eine ganz klare Spielidee sorgten dafür, dass Sporting das Spiel 90 Minuten lang kontrollierte und verdient mit 1:3 gewinnen können. Das zwischenzeitliche 0:2 erzielte Gyökeres per Elfmeter vor der Heimkurve. Eine sehr unbedachte Aktion diesen Ort dann für die Feierlichkeiten zu wählen. Sehr stark, wie sofort 50 Young Boys Fans im Innenraum waren und diese Message unterstrichen. Karma, dass im direkten Gegenzug der Anschlusstreffer fiel.

Ich habe lange keinen so guten Fußball mehr gesehen. Was Hertha da Woche für Woche macht, ist ein ganz anderer Sport. Mal gucken wo das noch endet für Sporting.

Nach dem Spiel wollte ich noch einen stilvollen Absacker einnehmen, aber die von mir anvisierte Lokalität war proppenvoll. So entschied ich mich spontan für eine andere Lokalität und das wird mir jetzt keiner glauben, aber es war zufällig eine portugiesisch geführte Kneipe. Statt einem Aperol gab es also einen Beirão- nicht die schlechteste Wendung des Tages. Zum Glück konnte ich mit Euro bezahlen, denn ich hatte keinen einzigen Franken in der Tasche und auch einen Rappen konnte ich nicht berappen. Ähem! Ein schöner Ausflug in ein tolles Land.

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