2. Bundesliga
Zuschauer: 46.835
Olympiastadion: Berlin
Die zweite Liga ist fantechnisch ohne Zweifel attraktiv und so gibt es kaum Gegner auf den Rängen, die schon im Vorfeld gähnende Langeweile erwarten lassen. Demensprechend ging es für mich auch an diesem Freitagabend mit Vorfreude zum Olympiastadion. Ich finde es immer wieder erschreckend, dass das teilweise auch anders empfunden wird und einige Leute ein Heimspiel als lästige Pflicht sehen. Ein Flutlichtspiel im Olympiastadion- da bildet sich doch automatisch ein Lächeln auf den Lippen (zumindest vor dem Spiel…). Da das Stadion heute erst 90 Minuten vor Anpfiff öffnete, waren die S-Bahnen auch schon ziemlich voll. Schnell noch einen Schlenker zum Parkplatztreff, ein Cider getrunken und dann ging es auch schon pünktlich zur Stadionöffnung herein.
Einmal mehr staunte ich über die enormen Ausmaße des Aufkleberverkaufs und das recht junge Publikum am Stand. Schön zu sehen, dass Hertha auch wieder bei Kindern und Jugendlich attraktiv zu werden scheint und wir als Ostkurve Hertha BSC sind natürlich ein Baustein dieser Attraktivität. Auch als kleine Notiz an alle, die sich der Ostkurve Hertha BSC zugehörig fühlen: Manchmal ist es diese eine kleine Geste, ein netter Spruch, der Kinder und Jugendliche dauerhaft an den Verein bindet!
Nachdem die Aufkleber in Rekordzeit verkauft waren, ging es nach unten in die Kurve. Unser Bereich war erneut berstend voll, wobei es sich dann im Laufe der Partie ganz gut zusammenruckelte. Die Stimmung aus der Kurve zu bewerten, fällt wie immer schwer. Ich hatte den Eindruck, dass der untere Bereich eher einen guten Tag hatte. Sehr schön war die kurze Chaos-Aktion in der 25. Minute zum 25. Jubiläum der Phönix Sons aus Karlsruhe. Dazu ertönte ein Gegengeraden-Hit in der Ostkurve.
Man merkte, dass der untere Teil zu dem Lied auch noch einmal mehr aus sich herausging. War es der Reiz des Neuen? War es die Melodie? Vermutlich beides: Aber es war vor allem auch der eindrückliche Beweis, dass auch in der Ostkurve melodischere Lieder gesungen werden können. Gerade in der ersten Halbzeit setzten wir dann aber eher wieder auf einfache Lieder. Schön, dass dann gegen Ende der zweiten Halbzeit auch noch einmal ein paar komplexere Lieder gesungen werden. So ging ich deutlich zufriedener als bei den anderen Partien aus der Kurve.
Crew 08, HM 03 und HB98 machten noch eine große Spruchbandaktion zu der Vielzahl an völlig überzogenen Polizeieinsätzen, der vergangenen Wochen. Wir freuen uns alle auf die Heim-EM…
Kiel war gut und gerne mit 8.000 Leuten im Olympiastadion. Alleine deswegen macht es momentan auch so Spaß in dieser Liga ins Stadion zu gehen. Viele Gästeszenen sehen ein Gastspiel im Olympiastadion als absolutes Highlight und reisen dadurch mit großen Massen an. Die Fanszene Kiel startete mit einem Pyrointro hinter einer „Landeshauptstadt“ Fahne. Die Fahnen wurden dabei in der ersten Reihe gezündet. Unterstützt von einigen Kasslern, war das optisch über 90 Minuten ein guter Auftritt. Bis auf die Torjubel kam jedoch nichts bei uns in der Ostkurve an. Auch da: Sicher ist die eigene Kurve nicht der geeignete Platz, um einen Gästeauftritt zu bewerten.
Das Spiel war herzzerreißend und sorgte das gesamte folgende Wochenende für schlechte Laune. Hertha hatte einen klaren Matchplan, stand hinten sicher und versuchte durch Umschaltsituationen immer wieder zu kontern. Der Plan ging komplett auf und so ging es mit einem 2:0 in die Führung. Insbesondere der Torjubel zum 1:0 vor der Ostkurve machte richtig Bock. Sehr nervig übrigens, dass Leistner teilweise bei der Seitenwahl entscheidet in der ersten Halbzeit auf die Ostkurve zu spielen. Solche Traditionen sind einfach wichtig und ich bin immer ganz empört, wenn sich andere Herthaner nicht darüber empören. Auch in der zweiten Halbzeit hatte Kiel mehr Ballbesitz- kam dabei aber zu keinen nennenswerten Torchancen. In der 80. Minute tippte ich meinen Nebenmann an und sagte: „Eigentlich ist diese Verteidigungstaktik ja immer gefährlich- aber die lassen heute einfach gar nichts zu“.
Der Satz sollte schlecht altern, denn wenige Sekunden später fälschte Dudziak einen ungefährlichen Schuss ins eigene Tor ab. Also noch einmal bangen und hoffen: Der Schiri zeigt fünf Minuten Nachspielzeit. Warum so lange? Gechter haut einen Ball mit voller Wucht aus dem Strafraum. Zugegebenermaßen dachte ich mir auch in dem Augenblick bereits „Ganz schön mutig“. Der Schiri sieht die Szene und zögert keine Sekunde und lässt weiterlaufen. Kaum eine Beschwerde bei den Kielern. Nach mehr als einer Minute schaltet sich der Videoschiedsrichter ein. Ich habe die Szene seitdem bestimmt zehn Mal gesehen. Eindeutig ist da gar nichts- für mich sieht es eher nach einem „Draufgehalten“ des Stürmers aus. Für den Schiedsrichter ist das Videomaterial genug, um seine klare Fehlentscheidung zu revidieren. Es kotzt einen einfach nur noch an. In dieser 98. Minute stirbt nicht nur der Fußball wie wir ihn lieben, sondern vermutlich auch unser Traum vom Aufstieg.
Der erfolgreiche Protest gegen den Investor hat gezeigt welche Macht wir Fanszenen in Deutschland haben können. Dafür muss es uns auch gelingen den normalen Fußballfan mitzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass die Abschaffung des Videobeweis so ein Thema ist, bei dem das gelingen könnte. Unseren Fußball würde es auf jeden Fall besser machen- denn die Fehlentscheidungen bleiben und die Emotionen werden getötet. Also demnächst auf in den Kampf?!
Sehr gefrustet kommt die Mannschaft in die Kurve- mechanisches Klatschen auf beiden Seiten. Ich entscheide mich noch einen Abstecher nach Charlottenburg zu machen. Erst absolute Kuttenhölle in der S-Bahn (Nehmt ihr beim Protest dann die normalen Fußballfans mit?). Das anvisierte Restaurant ist komplett voll, kein Platz, die nächste S-Bahn steht 15 Minuten kommentarlos am Westkreuz, endet außerplanmäßig in Wannsee und als die nächste verspätete Bahn mich endlich nach Potsdam bringt, ist die Laune auf dem Tiefpunkt. Das hätte ein guter Start in das Wochenende sein können und sollen.
Danke an Vudi Röller für die tollen Fotos.






