4. polnische Liga
Zuschauer: 250
Stadion Susir Slubice
Europa! Einfach so ohne Grenzkontrollen von einem Land in das nächste zu reisen ist immer noch eines der größten Geschenke unseres Kontinents. An vielen anderen Grenzübergängen bin ich immer noch nervös- zu viele negative Erfahrungen habe ich mit Grenzbeamten gemacht. Sei es im südlichen Afrika oder zuletzt in meinem Gastland China. In China gab es an der Grenze bei keinem Grenzübertritt irgendeine Art von Kommunikation: Kein Hallo, kein Danke, kein „Warum bist Du hier?“. Ziemlich gruselig und die stets langen Wartezeiten für Ausländer sorgten bei mir auch nicht für zusätzliche Begeisterung.
All das schießt mir durch den Kopf, als ich durch das Stadtzentrum von Frankfurt an der Oder spaziere und mich langsam, aber sicher der Stadtbrücke nähere, die Frankfurt Oder mit seiner Schwesterstadt Słubice verbindet. Die deutsche Polizei nervt natürlich wie immer rum und kann den Traum der Personenfreizügigkeit zwar nicht gänzlich zerstören, aber zumindest ankratzen. Ein riesiges weißes Zelt wurde auf der Brücke aufgebaut und es gibt stichprobenartige Kontrollen für die aus Polen kommenden Fahrzeuge. Ihr spuckt auf Europas Traum.
Immerhin Fußgänger scheinen unbehelligt die Brücke überqueren zu können. So ziehe ich die Kapuze hoch, um den schneidenden Wind auszuweichen und nach drei Minuten habe ich auch schon polnischen Boden unter den Füßen. Bis 1945 war Słubice als „Dammvorstadt“ Teil von Frankfurt Oder. Diesen Vorstadtcharakter spürt man noch heute ein wenig. Ein Großteil der Infrastruktur der Stadt scheint sich an den Vorlieben deutscher Grenztouristen auszurichten. So gibt es vor allem Geschäfte, die Zigaretten, Alkohol und sonstigen Schabernack anbieten. Am bekanntesten ist in Słubice aber sicher der große Basar- im Volksmund auch Polenmarkt genannt. Ebenjenen musste ich auch ansteuern, denn das Stadion lag direkt hinter dem Basar. Da es wirklich direkt auf dem Weg lag, lief ich auch noch kurz über den Basar- ironisch natürlich. Irgendwie fühlte ich mich danach geistig gesünder: Der Anblick unzähliger Berliner Kennzeichen und von Reisebussen aus ganz Deutschland, legte mir den Schluss nahe, dass es vielleicht doch gar nicht so bescheuert ist am Samstagnachmittag ein polnisches Viertligaspiel zu besuchen.
Im Vorfeld hatte ich Schreckensgeschichten über kurzfristige Verlegungen auf den Kunstrasenplatz gehört. Somit war ich ziemlich aufgeregt, als ich das Stadion betrat. Prompt breitete sich aber ein dümmliches Grinsen auf meinem Gesicht aus, als ich feststellte, dass sich hier zwei Mannschaften aufwärmten. Das Grinsen wurde immer breiter, als ich diese Perle von Stadion beobachten konnte. Das Stadion wurde ab dem Jahr 1915 als primäre Sportstätte für Frankfurt an der Oder gebaut. Auch russische Kriegsgefangene mussten an den Bauarbeiten mitwirken. Erst 1927 (Krieg lief nicht so hammer und anschließende Wirtschaftskrise) erfolgte dann die offizielle Eröffnung. Kurze Zeit später erhielt es den Namen Ostmarkstadion. Adolf Hitler sprach hier (wohl) im Jahr 1932 bei einer Parteiveranstaltung der NSDAP und auch der Schmutz von SA und SS nutzen das Stadion in der Folge für Aufmärsche.
Das Stadion soll große Ähnlichkeiten zum „Deutschen Stadion“, dem Vorgängerstadion des Olympiastadions Berlin haben. Das deutsche Stadion diente als Blaupause für das Ostmarkstadion. Ich fand die Parallelen zu unserem Olympiastadion aber auch schon ziemlich hervorstechend. Insbesondere die Torbögen auf der Hintertorseite und die verwendeten Materialen lassen einen die Ähnlichkeit sehen. Das Stadion ist wirklich eine wahnsinnige Perle und ich kann nur jedem einen Besuch empfehlen. Der Rahmen war also mehr als würdig für meinen 38. Länderpunkt. Dass ich Polen erst heute kreuze ist etwas peinlich- aber nun gut. Es ist wie es ist.
Mit dem sich nähernden Anpfiff füllten sich die Tribünen auch langsam, aber sicher. Ich war sehr erfreut zu sehen, dass auch die Bande von Polonia Slubice den Weg in das Stadion gefunden hatte. Vor einer Zaunfahne, die stilecht in einem der Bögen aufgehangen wurde, beteiligten sich circa 25 Leute an dem Support. Typisch polnisch würde ich mit meiner riesigen Expertise urteilen. Dass sich darum die weibliche Stadtjugend gesellte, rundete den Eindruck ab. Das machte richtig Spaß.
Auch kulinarisch wurde einiges geboten, denn es gab einen richtig leckeren Eintopf, den ich mir schmecken ließ. Tee gab es sogar noch gratis und die beiden Frauen hinter dem Stand waren wirklich freundlich und trotz der Sprachbarriere funktionierte die Kommunikation sehr gut. Aber sicher nicht das erste Mal, dass die sich mit deutschen Groundhoppern arrangieren müssen. Allein heute waren zwölf andere Deutsche in der App eingecheckt.
Das Spiel war auch recht unterhaltsam. Słubice war engagierter und konnte zurecht in Führung geben. In einer sehr harten Entscheidung gab es dann Rot wegen einer Notbremse und zusätzlich Elfmeter für die Gäste. Diese drehten dann die Partie und gingen mit 1:2 in Führung. Słubice gab sich aber nicht auf und konnte in Unterzahl tatsächlich das Spiel noch einmal wenden und das Ding mit 3:2 gewinnen. Ein geiles Spiel, das alles bat, was man sich vom Amateurfußball wünscht.
An der Oder entlang, ging es dann für mich zurück zum Bahnhof in Frankfurt. Ein wunderschöner Samstagsausflug. Welch ein Genuss und welches Privileg es ist auf diesem Kontinent zu leben. Danke übrigens an alle Leser und Leserinnen dieses Blogs. Viele kenne ich- viele kenne ich auch nicht. Ich freue mich sehr darüber, dass Ihr meine Beiträge so regelmäßig lest. Und wer es schafft bis zum Ende dieses Słubice Artikels zu kommen, dem gebührt ein extra großes Dankeschön.





