2. Bundesliga
Zuschauer: 29.546
Millerntor-Stadion: Hamburg
Der Bahnstreik endete glücklicherweise am Vortag und so ging es zu einer entspannten Uhrzeit nach Berlin und von dort weiter mit dem ICE nach Hamburg. Einfach ein geiles Gefährt. Ich teilte mir die Verbindung mit Nemo und einem weiteren Herthaner und so waren wir durch gute Gespräche nach einem Wimpernschlag in Hamburg. Die Hansestadt empfing uns mit bestem Wetter und daher einigten wir uns einstimmig auf den Fußweg zum Stadion. Zugegebenermaßen ein größeres Risko zu dritt solche Wege zu laufen, als wenn man unauffällig allein unterwegs ist. Fühlten wir uns sportlich- wurden wir schnell blass vor Neid, denn an der Alster waren hunderte Jogger unterwegs. Ihr Schönwettersportler!
Wir steuerten zunächst den Park Planten un Blomen an. Auch bei meinem letzten Besuch mit Hertha wählte ich damals diesen Zwischenstopp. Als wir dann auch noch ein idyllisches Café fanden, dass zu günstigen Preisen Aperol ausschenkte, waren wir alle rundum zufrieden. Es ist März und wir sitzen bei Aperol an einem Sonntag in der Sonne. Auswärtsfahren kann auch entspannt sein. Das galt heute insbesondere im Gegensatz zur aktiven Fanszene, die es durch eine frühe Anreise auf die Reeperbahn geschafft hatte.
Wir legten dann die letzten Meter bis zum Stadion zurück und kamen circa um 12:30 an. Dort hatten sich die Schlangen bereits gelichtet und so kamen wir sehr entspannt in den Block. Dieser war wie erwartet gut gefüllt und so war es schwierig ein geeignetes Plätzchen zu finden. Letztlich ruckelte sich dann aber wieder alles ein und nach einigen Gesprächen rückte auch der Anpfiff näher.
Es gab noch eine Schrecksekunde, denn Haris Tabakovic erzielte beim Aufwärmen einen sehenswerten Treffer- knickte dabei aber auch unglücklich weg. Letztlich konnte er nach der Behandlung trotzdem starten, aber das sah wirklich nicht gut aus. Vermutlich auch ein Grund dafür, dass es für ihn dann aber zur Halbzeit herausging.
Beide Seiten starteten mit einem Intro in die Partie. Den Auftakt machte die Südkurve, in der anlässlich des kürzlich zurückliegenden Weltfrauentag eine Choreo zum Motto „Ultrà has no gender“ gezeigt wurde. Die von USP hochgeladenen Bilder legen den Schluss nahe, dass die Aktion vermutlich auch federführend von weiblichen Gruppenmitgliedern erstellt wurde. Im Zentrum gab es fünf weibliche Ultras zu sehen- die links und rechts von einem Fahnenmeer gerahmt wurden. Bei diesem Thema sind Szenen wie St. Pauli und Werder schon Vorreiter, denn in vielen deutschen Fan- und Ultraszenen sind Frauen immer noch in der Minderheit. Schade, denn auch die tollen Frauen in unserer Fanszene zeigen wie bereichernd die Beteiligung ist.
Wir zeigten hinter einem gesprühten „Hertha BSC“ Spruchband eine zweiteilige Rauchshow. Unten gab es weißen Rauch zu sehen- während im oberen Bereich des Blockes blauer Rauch in den Himmel geschossen wurde. Der Rauch war nicht ganz gleichmäßig verteilt- links neben dem Spruchband gab es eine kleinere Lücke- ansonsten sah das ziemlich gut aus. Ich fand auch das Spruchband sehr liebevoll und schön ausgearbeitet.
Für mich war es nach längerer Zeit mal wieder eine so großflächige Rauchshow- das brachte direkt Pekinger Heimatgefühle hervor. Die Sing- und Atmungskoordination im Epizentrum des Rauches ist bei mir definitiv noch ausbaufähig- aber ich sah auch um mich herum andere Leute, die kurz das Atmen zugunsten des Singens priorisieren mussten.
Auf dem Spielfeld habe ich selten so eindeutige Kräfteverhältnisse gesehen. Das war der viel besprochene Klassenunterschied. St. Pauli hatte jetzt auch nicht unendlich viele Torchancen, aber man hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass Pauli das Spiel komplett im Griff hat. Hertha war insbesondere in der ersten Halbzeit erschreckend schwach und so hieß es völlig verdient 2:0 für die Gastgeber. Nach einem Dreifachwechsel zur Pause, hatte Hertha ein paar Aktionen mehr- aber es reichte nicht für den Anschlusstreffer und so ging man völlig verdient mit einer Niederlage nach Hause.
Die Stimmung des Heimanhangs war stark schwankend. Immer mal wieder schwappte der Funken über und große Teile des Stadions stiegen mit in die Gesänge ein. Dann wurde es richtig laut und in diesen Momenten zeigt sich, dass das Millerntorstadion etwas besonderes ist. Über weite Strecken war der kleine Kern in der Südkurve um USP jedoch recht isoliert. Melodisch gefällt mir der Stil von St. Pauli hingegen sehr. Wie gewohnt gab es zahlreiche Spruchbänder zu politischen Themen- jedoch auch ein Gedenkspruchband für Kay. Danke dafür! Ich gebe auch gerne zu: Bei dieser St. Pauli Abneigung unserer Fanszene schere ich ein bisschen aus.
Uns empfand ich heute als schwach. Vielleicht war es die hoffnungslose Situation auf dem Rasen, aber viel zu selten konnten wir akzeptable Lautstärken erreichen und in vielen Gesichtern fehlte mir heute auch der Wille richtig aus sich rauszugehen. Für jeden Fußballfan sollte doch so ein Spiel gegen St. Pauli eine riesige Motivation darstellen die eigene Fanszene gut zu präsentieren. Vor allem, da die Duelle gegen St. Pauli in den letzten Jahren auch eher rar gesät waren. Eine Zaunfahne von St. Pauli wurde noch präsentiert. Sah für mich jetzt auch nicht nach dem wertvollsten Lappen aus und auch die Präsentation mit Deutschland Fischerhut war jetzt nicht nach meinem Geschack. So blieb es ein durchschnittlicher Auftritt auf den Rängen, der mich konsterniert zurückließ.
Ich hatte nach dem Spiel dann noch etwas Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges und hatte ausreichend Verkleidungselemente im Gepäck. So verwandelte ich mich hinter dem Block kurz und fühlte mich so gut gewappnet, um noch einen Abstecher ins Schanzenviertel zu machen. Dort wählte ich dann auch das Motto „Dreist“ und setzte mich in einem portugiesischen Lokal prominent an das Fenster und ließ es mir mit leckerem Essen und Getränken gut gehen. Nach dem letzten Cafézinho hatte sich dann auch der Menschenauflauf entsprechend gelichtet, sodass es für mich entspannt zu Fuß zum Hamburger Dammtor ging. Eine kurze Fahrt im ICE später, war ich dann auch zu einer humanen Uhrzeit zu Hause. Hamburg macht schon Spaß!
