Portugal Primeira Liga
Zuschauer: 2.337
Estádio Municipal Eng.º Manuel Branco Teixeira: Chaves
An diesem Sonntag sollte mich der Fußball nach Chaves führen. Chaves hat unfassbare „Ende-der-Welt“ Vibes. Hinter zahlreichen Bergen gelegen, ist es eine der einzigen größeren urbanen Regionen im Norden Portugals in der Nähe der spanischen Grenze. Mit dem Fernbus ging es durch die landschaftliche wunderschöne Region, ehe ich dann am frühen Mittag Chaves erreichte. Hier hatte ich dann noch satte vier Stunden bis zum Anpfiff, was mich erst einmal in einen kleinen Schockzustand versetzte. Die letzten Monate kam ich fast immer auf den letzten Drücker und im Laufschritt- nun konnte der Flanierschritt ausgepackt werden.
Chaves an diesem Sonntag erinnerte mich ein bisschen an staubige Sonntage in Mosambik. Hier war wirklich überhaupt nichts los. Die Sonne brannte und es gab kaum Verkehr. Herrliche Sonntagvibes. Dennoch gab es einiges zu tun. Das zeitgenössische Kunstmuseum öffnete seine Pforten für mich als Bewohner Portugals heute sogar kostenlos. Was für ein erhabenes Gefühl, als ich anhand einer Rechnung meinen Wohnort nachweisen konnte. Dann gab es noch einen Flussspaziergang, den ich mir mit dem Sportschau Radio und dem Hertha Spiel versüßte.
Dann stand der klassische Sonntagsschmaus auf dem Programm und in einer urigen Lokalität, schlug ich mir den Bauch aber mal dermaßen voll. Dann gab es noch einen kleinen Verdauungsspaziergang durch die Innenstadt von Chaves und ich ließ es mir auch nicht nehmen noch einmal den Fluss über den Steinpfad zu überqueren. Das kam mir dieses Mal irgendwie gruseliger vor. Dann der Schlenker zum Stadion, noch ein letztes Fino in einer Lokalität davor und dann ging es problemlos hinein.
Ich fand einen schönen Platz auf der Hintertortribüne und war vom Andrang positiv überrascht. Aufgrund des fehlenden Alternativprogramms in Chaves schien sich hier ein Querschnitt der Gesellschaft zu versammeln: Von der Dorfjugend bis hin zum Renter-Ehepaar. Ebenfalls bemerkenswert: Hier wurde heute Vollbier ausgeschenkt und somit glich der Weg von der Tribüne bis zum Vereinsheim einer Autobahn und es wurde ordentlich gebechert. Das Stadion bot Ausbau an vier Seiten und einen herrlichen Ausblick auf die umliegenden Hügel. Das war erstligareif.
Ich hatte also schon wieder die Freude Chaves spielen zu sehen. Heute ging es gegen Estoril, die sich ebenfalls noch etwas strecken müssen, um den Relegationsplatz zu vermeiden. Merkwürdig, denn gefühlt gab es heute einen Klassenunterschied zwischen Estoril und Chaves. Estoril finde ich sowieso eine Mannschaft, die trainerübergreifend eine klar erkennbare Spielidee hat. Das macht wirklich immer Spaß zuzusehen. Chaves ging trotzdem durch einen Torwartfehler in Führung. Das war aber auch wirklich der einzige Weg, wie ein Tor fallen konnte. Spielerisch ging absolut gar nichts.
Nach der Halbzeit konnte Estoril dann völlig verdient die Partie drehen und mit 1:2 in Führung gehen. Dies nutzte der Torwart von Estoril, um völlig überdreht gegen die Hintertortribüne (also auch gegen mich) zu pöbeln. Einmal tarnte er sogar seine Pöbelei als Gebet, was auf der Haramskala schon relativ weit oben sein muss. Das eigentlich sehr langweilige Spiel wurde in diesem Moment völlig überraschend dann doch noch sehr unterhaltsam. Einigen Chaves Fans wurde es dann nämlich zu bunt und so sprang ein Mutiger über die Bande und stellte den Torwart zu Rede- wohlgemerkt ohne Gewalt anzuwenden. Nun kam aber ein ziemliches Kuddelmuddel zu Stande und einige weitere Chaves Fans überwanden noch die Bande. Darunter unter anderem eine bestimmt 65-jährige Frau. Weltklasse! Hier zahlte sich das Vollbier dann vermutlich aus.
In der folgenden Minute gab es dann etwas Hektik zwischen Fans, Security, Polizei und den Spielern. Ein Estoril Verteidiger haute einen Chaves Fan mit einem Drehkick auf den Boden. Es gab einige Festnahmen und irgendwann war das Spielfeld wieder leer. Unpopuläre Meinung: Meines Erachtens hat der Torwart so provoziert, dass eine solche Reaktion mindestens verständlich war. Ebenso verständlich aber dann auch, dass es eine Reaktion der Estoril Spieler gab- auch wenn der Drehkick schon etwas drüber war, muss man in diesem Moment irgendwie damit rechnen. Das Estoril dann tatsächlich aber als Reaktion zwei rote Karten bekam (Der Torwart und der Drehkick Verteidiger) ist schon himmelschreiend ungerecht.
So kam es wie es kommen musste und mit dem letzten Ball nach vorne, konnte Chaves tatsächlich in der 106. Minute noch zum 2:2 einschieben. Somit hatte sich aus der Perspektive der Chaves Fans der Platzsturm definitiv bezahlt gemacht und somit bleibt zumindest die theoretische Chance auf den Klassenerhalt bestehen. Wilde Szenen! Und da die Videos auch nicht über die sonstigen sozialen Medien schwappten, habt Ihr treuen Hertha Auswärts Fans das Exklusivrecht auf das wackelige Riotvideo. Viel Spaß damit!
Nach so viel unverhofften Tumult, musste ich mich erst einmal wieder sammeln und trank noch einen kleinen Absacker in einem Lokal in Stadionnähe. Ich hatte dann noch ein paar Minütchen, ehe ich dann wieder den vollbesetzten Bus nach Porto bestieg. Ein unverhofftes Highlight bei diesem Ausritt nach Chaves fand damit dann auch sein Ende.






