11.05.2024 Vitória SC- SC Braga 2:3

Portugal Primeira Liga

Zuschauer: 25.224

Estádio Dom Afonso Henriques: Guimarães

Vudi Röller hatte sich an diesem Wochenende angekündigt und die Spielplanmacher belohnten ihn mit der Ansetzung des Derby do Minho am Samstagabend. Besser hätte es wohl kaum laufen können. Röller und der Klabauterkeaper kreuzten am Nachmittag noch den Ground in Vizela und sahen trotz des unerwarteten 4:0 Heimsiegs den Abstieg, während ich mit der Sektion Stadionverbot im Zentrum und am Flussufer der Kleinstadt verweilte. Danach trennte sich die kleine Reisegruppe und für Röller und mich ging es aus Vizela in das nahegelegene Guimarães. Der Zug fuhr jedoch leider nur alle zwei Stunden und so entschieden wir uns für ein Taxi.

Nachdem uns der erste Fahrer absagte, traf der nächste nach circa einer Viertelstunde ein und war sichtlich erfreut uns zu sehen. Er freue sich sehr zwei Vitória Fans zum Stadion zu fahren. Er selbst sei seit knapp 50 Jahren Mitglied und bekomme im Sommer seine Ehrennadel ausgehändigt. Es ist schon immer wieder beeindruckend, wie fußballbegeistert die Portugiesen sind. Er ließ uns dann trotz der Proteste der Polizisten direkt am Stadion heraus. Dadurch waren wir in einem Zwischenbereich, der laut der Polizisten Lava war. In diesem Moment wurden die Leute nämlich an einigen Punkten zusammengepfercht, da der Mannschaftsbus von Braga kurz vor der Ankunft am Stadion war.

Wir hatten also noch die freie Auswahl, welchen der Sammelpunkte wir ansteuerten. Natürlich entschieden wir uns für den Falschen, aber kurze Zeit später kam auch schon der Mannschaftsbus. Wir pöbelten aus voller Kraft mit und kurze Zeit später durften wir dann auch weiterlaufen. Als nächstes ging es dann in Richtung Kartenabholung. Wie es der Zufall so wollte, hatte ich in den ersten Tagen in Porto ein Mitglied der White Angels von Vitória kennengelernt. Filmreif trafen wir ihn in einer Nebenstraße in der Nähe des Gästeblocks mit einigen anderen Gruppenmitgliedern. Vielen Dank für die Freundlichkeit und die Karten für das Spiel. Ich bin immer wieder begeistert, wie solidarisch man im Fußballkontext miteinander umgeht.

Röller und ich kehrten dann noch etwas abseits des Stadions in einer kleinen Pastelaria ein und stärkten uns noch für die anstehende Partie. Auch die Verkausfrau war unglaublich freundlich. In Sachen Herzlichkeit ist der Norden schon eine andere Nummer als Lissabon. Dann ging es in Richtung Stadion und nach kurzem Schlangestehen ging es dann auch direkt hinein. Noch schnell ein Café an der Theke und dann nahmen wir unsere Plätze im Oberring der Südtribüne ein.

Bei meinem letzten Besuch hatte der Haufen rund um die White Angels noch im Unterrang gestanden. Nun fand man sich im unteren Bereich des Oberrings ein. Angetrieben wurde der Haufen immer noch von dem langhaarigen Vorsänger, der laut seinem öffentlichen Instagram Profil wohl auch ein bekannter Drummer ist. Kurz vor Anpfiff liefen circa 25 Vermummte bei uns im Oberring ein, die sich dann gleichmäßig im Block verteilten. Bei der Sichtung der Bilder stellte Röller dann fest, dass es auf der einen Seite des Blockes eine größere Lücke gab. Nicht falsch- aber in dem Moment sah das echt genial aus, wie überall die Fackeln angingen und dazu noch zahlreiche Raketen in den Nachthimmel geschossen wurden. Ein geiler Start in dieses Derby.

In Guimarães gibt es mittlerweile zwei Stimmungszentren. Die früher ebenfalls auf der Südtribüne beheimatete Gruppe „Suspeistos do Costume“ verabschiedete sich nach Meinungsverschiedenheiten mit den White Angels auf die Gegengerade. In deren Bereich gab es zu Beginn auch einige Fackeln und im Laufe des Spiels durchgängigen Support. Aus der Ferne sah der Haufen ungefähr so groß aus wie der Bereich um die White Angels und paradoxerweise machte das Publikum auf der Gegengerade vermutlich sogar einen Tick häufiger mit als das Publikum auf der Südtribüne.

Die Stimmung im Heimbereich gefiel mir gut. Es gab wieder eine recht große Schwankung in der erreichten Lautstärke. Immer mal wieder gab es leisere Phasen, aber es gab auch zahlreiche Momente, in denen das ganze Stadion miteinstieg und man aus seinem Sitz gerissen wurde. Im Bereich der White Angels gab es keine Trommel und kein Megaphon- schon bemerkenswert wie man auf diese Utensilien verzichtet, die sicher zu einer etwas größeren Mitmachquote führen könnten. Auch mit Blick auf den sonstigen Tifo war das eher dürftig und selbst bei einer so reifen Szene wie Guimarães setzt man vor allem auf gedruckte Fahnen.

Schade, dass man nicht in der Kurve zusammensteht- dann wäre sicher noch etwas mehr drin gewesen. Auch so ist man in Portugal aber ganz sicher auf jedem Ranking der Top-Kurven dabei. Ich fand es aber auch vor allem beachtlich wie stark sich die Normalos mit dem Verein identifizieren. Guimarães fährt natürlich auch sehr stark dieses Image, dass sie anders sind als der Rest Portugals, aber ich nahm es ihnen auch ab.

Der Gästeblock war gut gefüllt und verteilte sich auf den Ober- und den Unterring. Zentral vor dem Block hing die Fahne der Ultras Bracara, die sich im Jahr 2003 gründeten. Ein Großteil des Gästeblocks war einheitlich in Rot gekleidet. So ergab sich ein stimmiges Bild und immer mal wieder war der Gästeblock auch im Heimbereich gut zu vernehmen. Highlight war noch eine Pyroshow die in der zweiten Halbzeit durchgeführt wurde. In diesem Moment war im oberen Bereich des Gästeblockes eine „Guimarães Merda“ Fahne zu sehen. Insgesamt ein stimmiger Auftritt. Von Braga hätte ich ehrlich gesagt weniger erwartet.

Guimarães hätte mit einem Sieg das Rennen um den letzten Startplatz in der Europa League noch einmal spannend machen können. Da der FC Braga am letzten Spieltag zuhause gegen Porto spielt wäre es durchaus denkbar gewesen, dass Guimarães noch vorbeiziehen kann. Daher spielte Guimarães auch voll auf Sieg und hatte deutlich mehr Spielanteile. Die Heimmannschaft konnte dann auch fast folgerichtig mit 1: 0 in Führung gehen, was zu einem geilen Jubel führte. Gerade als ich Röller fragte ob die Mannschaft von Braga wohl wisse, dass heute Derby sei, glichen sie aus. Danach folgte ein Jubel, der auf der Hurensohnskala ziemlich weit oben war. Der Torschütze von Braga holte einen roten Luftballon aus der Tasche und blies diesen vor der Heimkurve auf. Es handelte sich übrigens um Bruma, der eine Vergangenheit bei RB Leipzig hatte… In diesem Moment hätte man ein paar Chaves Fans gebraucht.

Auch in der zweiten Halbzeit entwickelte sich ein wirklich tolles Duell. In der 78. Minute konnte Braga nach dem Videobeweis jubeln, was sie auch ausgiebig taten und unter anderem auf den Zaun des Gästeblocks sprangen. Fast im direkten Gegenzug konnte aber Guimarães unter großem Jubel den Ausgleich erzielen. Leider hatte Braga aber noch das letzte Wort und konnte in der Nachspielzeit noch den Siegtreffer erzielen. Jetzt feierten vor allem die Gästefans und der Heimanhang war ziemlich ernüchtert. Mit dem Abpfiff lagen die Spieler enttäuscht und völlig erschöpft auf dem Boden. Es brauchte circa eine Minute, aber dann schwappte ein gewaltiges Klatschen durch das Stadion und die Mannschaft wurde für den tollen Einsatz gefeiert- so muss das sein.

Aufgrund des erneut verspäteten Anpfiffs, hatten wir den letzten Zug bereits abgeschrieben und hatten uns entschieden ein Taxi zu rufen. Da Röller bisher das legendäre Schild „Hier wurde Portugal geboren“ noch nicht gesehen hatte, entschieden wir uns dieses noch kurz anzusteuern und dann dort ein Taxi zu rufen. Nach zwei Absagen hatten wir endlich ein Taxi und dieses sollte in drei Minuten erscheinen. Nur leider entschied sich die gute Dame zu einem Wendemanöver und in der Folge wechselten sich Hoffnung und Ernüchterung ab. Mal kam sie etwas näher- mal fuhr sie wieder weiter weg. Letztendlich liefen wir noch 10 Minuten zu einem anderen Treffpunkt und stiegen 45 Minuten später erst in das Taxi ein. Ziemlich bitter- die übermüdete Frau fuhr uns dann aber zumindest sicher nach Porto und so wurden wir um kurz nach Mitternacht an der Wohnungstür herausgelassen. Ein sehr beeindruckendes Derby fand damit seinen Abschluss. Das machte wirklich Spaß und besten Dank noch einmal nach Guimarães für die Gastfreundschaft. Es war mir eine Ehre.

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