23.09.2024 Boavista- Sport Lisboa e Benfica 0:3

Primeira Liga

Zuschauer: 16.151

Estádio do Bessa Século XXI: Porto

Als Ausläufer des sechsten Spieltags der portugiesischen Liga empfing Boavista das große Benfica. Die finanzielle Situation von Boavista sieht nicht gerade rosig aus. In der Sommerpause gab es sogar etwas Gemurmel, dass es zu einer Pleite kommen könnte. Befeuert wurden die Gerüchte durch den Absteiger aus Portimão, der sogar eine Pressemitteilung verfasste, dass man gerne als wirtschaftlich solide wirtschaftender Verein den Startplatz von Boavista in Anspruch nehmen würde. So weit kam es nicht, aber im August wurde bekannt, dass zeitnah Schulden in Höhe von 6,8 Millionen Euro bedient werden müssen, die vor circa 20 Jahren im Zuge des Stadionneubaus entstanden sind. Die Transfereinnahmen im Sommer wurden somit direkt an die Gläubiger weitergereicht.

Boavista tritt mit einem jungen Kader in der Spielzeit an und wird vermutlich um den Klassenerhalt kämpfen müssen. Das Tor hütete heute sogar ein 17-Jähriger. Ich drücke dem Verein wirklich die Daumen, dass es mit dem Klassenerhalt klappt. Denn der Verein gehört zweifelsfrei in die erste Liga. In ebenjener Liga gibt es zahlreiche Spiele, in denen das Zuschauerinteresse überschaubar ist. Es ist daher schon nachvollziehbar, dass der Verein steile Eintrittspreise für das Spiel gegen Benfica ausrief. 35 Euro sollte ein Sitzplatz kosten und für 70 Euro bekam man „VIP-Seats“. Viel Geld für den Durchschnittseuropäer…

Dankenswerterweise bekam ich vom Verein eine Akkreditierung für das Spiel. Diese holte ich dann gegen 18:30 am Stadion ab und bereits zu dieser frühen Uhrzeit herrschte ziemlicher Trubel rund um das Stadion. Man sah viele Benfica Fans und sogar die mobilen Verkaufsstände hatten auf das Benfica-Sortiment umgesattelt. Ich machte dann noch eine Schlaufe zu einem nahegelegenen Burgerladen und stimmte mich auf das Spiel ein. Dann ging es gegen 19:45 in das Stadion und den Fahrstuhl auf die Pressetribüne teilte ich mir mit dem sehr bekannten portugiesischen Ex-Schiedsrichter Artur Dias und mit einigen Vereinsoffiziellen.

Es wirkte ein wenig so, als hätte der Verein zu viele der VIP-Tickets verkauft. Jedenfalls wurde der Bereich unterhalb der Pressetribüne immer voller und im Laufe der Partie hatten wir auch einige „VIP-Flüchtlinge“ aufzunehmen. Man tut, was man kann! Von meinem Platz hatte ich einen perfekten Blick auf die beiden Kurven.

Die Panteras Negras waren mit ihrer großen Zaunfahne vertreten. Die Gruppe ließ sich bereits im Jahr 2004 legalisieren. In einem Interview begründen sie das damit, dass sie keine negativen Konsequenzen für den Verein verursachen wollen. Sie sehen sich aber als Ultras und würden sich auch von der Legalisierung nicht von den typischen Elementen der Ultra-Kultur abbringen lassen. Der Sektor der Gruppe war trotz des hochkarätigen Spiels eher spärlich gefüllt. Letztlich hatten sich vielleicht 700 Leute in der Kurve eingefunden- von denen sich circa 300 konstant an der Stimmung beteiligten.

Zwei Schwenkfahnen waren recht viel in der Luft- eine der Panteras Negras und eine der Sektion Espinho. Die Sektion Espinho war auch per Zaunfahne im Oberrang vertreten. Dazu gab es noch Sektionsfahnen aus Gaia und Aleixo. Spannend ist insbesondere die Aleixo Zaunfahne. Aleixo ist eine kleine Nachbarschaft direkt am Douro zwischen der Innenstadt und der Mündung des Flusses (Foz). Der Bezirk verfügte über zahlreiche Sozialwohnungen und galt lange Zeit aufgrund von Drogenhandel und Kriminalität als das gefährlichste Viertel Portos. 2011 und 2013 wurden die beiden größten Hochhäuser gesprengt und abgerissen und jüngst verkündete die Stadt einen neuen Besiedlungsplan bestehend aus sozialen und kommerziellen Wohnprojekten. Die Zaunfahnen kratzen zumindest am Mythos, das Boavista der wohlhabende Verein der Stadt Porto ist.

Die Partie startete emotional. Auch bei diesem Spiel wurden die Feuerwehrleute geehrt, die in der vergangenen Woche heroisch gegen die Flammen gekämpft hatten. Drei von Ihnen haben tragischerweise ihr Leben verloren. Die Panteras Negras äußerten ihr Beileid per Spruchband. Die Spieler beider Mannschaften bildeten ein Spalier für die Feuerwehrleute und im Anschluss gab es eine Klatsch-Schweigeminute, während die Feuerwehrleute salutierten. Puh! Da hatte ich schon einen Frosch im Hals!

Benfica hatte die gesamte Hintertortribüne gefüllt, die 7.000 Leute fasst. Zudem gab es auch auf der Haupttribüne zahlreiche Benfica Sympathisanten, sodass vermutlich etwas mehr als die Hälfte den Gästen die Daumen drückte. Den Auftritt von Benfica hatte ich so nicht auf meiner Bingo-Karte. Ich hatte Benfica zuletzt 2018 im Derby gesehen. Es wurde anscheinend mal wieder Zeit für einen Besuch. Das war wirklich ein richtig starker Auftritt. Über 90 Minuten wurde ein akustisches Feuerwerk abgeschossen. Dazu gab es eine koordinierte Pyroshow mit roten und weißen Fackeln- vermutlich im Bereich der No Name Boys. Aufgrund des kompletten Tifo-Verbots durch die fehlende Legalisierung muss ich hier leider mutmaßen.

Nach den Toren gab es zudem von zahlreichen Einzelpersonen Fackeln und immer mal wieder detonierten auch Böller. Das war wirklich ein sagenhafter Old-School Auftritt. Krass auch wie die beiden Gruppen es im Laufe der Partie immer mehr schafften dem Sangesauftritt ihren Stempel aufzudrücken. Ich muss mittlerweile wirklich meinen Hut vor der Fanszene von Benfica ziehen. No Name Boys und Diabos Vermelhos sind beide nicht legalisiert und auch der Verein hat im Jahr 2019 schon einmal eine Strafzahlung kassiert, da sich die Gruppen nicht legalisieren lassen. Aus der romantischen und ideellen Brille ist das schon bemerkenswert straight, was die Gruppen von Benfica da durchziehen. Eine Meinung, die man hinter vorgehaltener Hand übrigens auch von Ultras anderer Vereine hört.

Das Stadion ist echt ein bisschen runtergerockt- unglaublich, dass die Eröffnung erst vor 21 Jahren war. Die Akustik ist aber bombastisch. Auch das trug vermutlich zu dem genialen Auftritt der Gäste bei. Ich muss aber wirklich eine Weile zurückdenken, bis ich mich an einen besseren Auftritt erinnern kann. Das machte 90 Minuten lang Spaß und ich war super froh, dass ich dabei sein konnte.

Auf dem Spielfeld wurde Benfica seiner Favoritenrolle gerecht. Cool war es noch einmal Di Maria im Herbst seiner Karriere beim Kicken zuschauen zu dürfen. Recht routiniert gewann Benfica mit 0:3. Nach dem 0:2 spielten sie aber mit einer ziemlich angezogenen Handbremse.

Nach dem Spiel feierten beide Fans noch ausgiebig ihre Mannschaften. Für die Benfica Fans gab es noch eine Blocksperre. Für mich ging es dann zu Fuß nach Hause. Vielen Dank noch einmal an Boavista- ich freue mich bereits auf den nächsten Besuch.

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