08.04.2025 FC Rot-Weiß Erfurt- Carl Zeiss Jena 3-1

Regionalliga Nordost

Zuschauer: 3:1

Steigerwaldstadion: Erfurt

Als im Februar die Spielabsage für das Thüringenderby reinflatterte, schaute ich kurze Zeit später in den Ticketshop und tatsächlich sollte für den Nachholtermin noch ein bezahlbares Ticket auf der Gegentribüne verfügbar sein. Schnell zugeschlagen und auch zwei günstige Zugfahrten gebucht. Ein Arbeitstermin am Spieltag hätte mir den Plan dann fast zerschossen, aber letztendlich konnte auch dieses Hindernis mehr oder weniger elegant aus dem Weg geräumt werden. Mit dem Fahrrad ging es dann zum Berliner Hauptbahnhof und von dort mit dem ICE in Richtung thüringische Landeshauptstadt.

Viel Zeit hatte ich in Erfurt leider nicht mehr und so reichte es nur noch für ein Streifen der sehenswerten Innenstadt. Ich mag Erfurt wirklich gerne. Dann ging es zu Fuß zum Steigerwaldstadion. Ich hatte noch meinen Rucksack dabei- aber am Hauptbahnhof war kein Schließfach frei und auch ein Versteck drängte sich mir nicht auf, sodass ich hoffte, dass eine Abgabe am Stadion, wie angekündigt möglich wäre. Schlussendlich hätte ich den Rucksack sogar mitreinnehmen können, aber auch die Abgabe klappte problemlos und ermöglichte mir einen entspannteren Spielbesuch.

Das Stadion wurde bereits 1931 eröffnet und zuletzt 2015 umfassend renoviert. Insbesondere die sehenswerte Dachkonstruktion und die geniale Lage am Fuße des Steigerwaldstadions gefielen mir extrem gut.

Die Schlange zur Thüringer Bratwurst war ohne zu Übertreiben bestimmt 30 Meter lang. Ich reihte mich trotzdem ein und konnte dadurch relativ diskret beobachten, wie sich die Sportler von Erfurt sammelten. Nach einer kurzen Ansprache nahmen sie dann ihren Platz auf der Gegentribüne direkt neben dem Gästeblock ein. Ich vermute, dass es sich bei den Leuten größtenteils um Leute des Jungsturms handelte. Diese waren im März unrühmlich aufgefallen, als sie bei einer Veranstaltung ihrer Freunde in Sofia auftraten. Beim Abgang von der Bühne zeigte ein Mitglied einen deutlich erkennbaren Hitlergruß. Ich verweise an dieser Stelle auf einen Artikel des MDRs.

Die Gesinnung ist sicher kein Einzelfall für den Jungsturm und rechte Ideologien der Mitglieder sind gut dokumentiert. Umso beachtlicher, dass die Steigerwaldkurve um die Erfordia Ultras eine derart deutliche Abgrenzung hinbekommen haben. Das riesige Gruppeninterview in zwei Erlebnis Fußball Ausgaben kann ich nur jedem ans Herz legen. Ich oute mich an dieser Stelle einfach mal als Fan. Ich finde die Entwicklung von Erfurt in den letzten Jahren wirklich beachtlich.

Dennoch ist es eines dieser Derbys, in dem ich beide Mannschaften solide finde. Der Stil von Jena und Erfurt ist zwar extrem unterschiedlich- aber ich mag beide Seiten, wenn auch mit einer kleinen Präferenz für Erfurt. Unter der Woche konnte Erfurt einen kleinen Nadelstich setzen, in dem in einem DHL-Depot zahlreiche Fahrzeuge in Rot-Weiß umlackiert wurden. Diese Fahrzeuge fuhren in der Folge auch durch Jena. Für die Jenenser Seite schwer zu verhindern, aber dennoch eine lustige und kreative Aktion.

Beide Seiten starteten dann mit großartigen Intros in die Partie. In der Steigerwaldkurve wurden rote und weiße Pappen gezeigt. Am Zaun prangte das Choreospruchband „Wo der Löwe wacht, erstrahlt Thüringen in seiner Pracht“. Im zweiten Schritt wurde ein Löwe mit Krone hochgezogen, der seine Krallen schützend, um die Silhouette Erfurts legt. Einige der Bauwerke sind zudem rot-weiß verschönert. Die Motive wurden auch im Stadtbild so gestaltet, wie der Derbyrückblick der Erfordia Ultras zeigt. Anschließend wurde das Bild durch zahlreiche Fackeln gerahmt. Eine absolut sackstarke Aktion.

Das Jenenser Derby hatte es ebenfalls in sich. Unter dem Motto „Circus Tricolore” wurde ein Zirkuszelt im oberen Bereich des Blocks gezeigt. Zum Einlaufen der Mannschaften wurde dann die „Manege frei“ gegeben. Der bis dahin freigelassene untere Bereich des Blocks wurde per Blocksturm betreten. Zahlreiche Rauchtöpfe, Fackeln und Fahnen wurden dabei gezeigt. Das sah auch richtig gut aus und ich fand es eine sehr kreative Idee.

Auch in der Folge schenkten sich beide Seiten nichts. Immer mal wieder gab es größere Pyroaktionen und insbesondere in der Heimkurve brannte fast durchgehend eine Fackel. Ich war gut damit beschäftigt den Kopf hin- und herzudrehen. Zur zweiten Halbzeit gab es dann von beiden Kurven fast zeitgleich noch einmal ein größeres Pyrointro.

Jena zeigte noch einiges Erfurter Material. Da kamen direkt Erinnerungen an ein Gastspiel des KSC in Jena hoch, als sie auch mit großer Geste einen Hertha Schal verbrannten… Weiß ich nicht… Per Spruchband solidarisierte Jena sich noch mit seinen Freunden von der Schickeria, die mit Stadionverboten zu kämpfen hatten.

Akustisch hatte die Heimkurve die Nase vorne. Jenas Auftritt war mit Blick auf den Spielverlauf aber auch nicht von schlechten Eltern. Das machte heute einfach riesigen Spaß. Jena setzte wie erwartet auf das etwas melodiösere Liedgut.

Auf dem Spielfeld konnte Erfurt das Spiel dominieren und bereits zur Halbzeit mit 3:0 in Führung gehen. Das Stadion kochte! Jena konnte nur noch das 3:1 erzielen. Nach dem Spiel feierten Mannschaft und Kurve ausgiebig den Derbysieg.

Für mich ging es dann recht zügig zur Straßenbahn und mit dieser zum Hauptbahnhof. Dabei musste die Bahn auf Tuchfühlung mit den Jena Fans gehen, die hinter dem Bahnhof von der Polizei aufgehalten wurden. So ganz durchdacht sah das Konzept nicht aus. Ich konnte mich aber durch mein Gleis durchwühlen und war wenige Minuten später im ICE, der mich zurück in die Hauptstadt bringen sollte. Ein ganz starkes Derby und ein herrlicher Fußballabend.

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