DFB Pokal
Zuschauer: 51.193
Olympiastadion: Berlin
Die sich nicht für Fußball interessierende Losfee zog uns an einem Sonntagabend vor einigen Wochen ein Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern aus dem Topf. Ein Heimspiel, das einzige reine Zweitligaduell und ein Gegner mit dem man noch eine Rechnung offenhatte. Ich war sehr zufrieden mit diesem Los. Im Laufe des Tages stellte sich bei mir immer stärker die Aufregung ein. Die Siegesserie der letzten Wochen war zu schön und es ist unvermeidlich, dass die Serie auch irgendwann wieder endet. Gleichzeitig stand fest, dass sie nicht heute würde enden dürfen. Wir mussten heute eine Runde weiterkommen- egal wie.
Gegen 15:30 ließ ich den metaphorischen Stift fallen und klappte den physischen Rechner zu. Ab zur Bahn und dann mit einigen Umstiegen zum Olympiastadion. Kurz nach der Stadionöffnung, passierte ich die Einlasskontrollen und steuerte direkt den Aufkleberverkauf an. Gutgelaunt brachte ich die Kleber unter das Volk und wurde minütlich nervöser. So war ich froh, dass wir schnell verkauften und circa 30 Minuten vor dem Anpfiff Nemo vorbeischneite, mit dem ich runter in die Kurve ging.
Die Kurve war heute auch durch zahlreiche Gäste richtig gut gefüllt. Vielen Dank für Euer Kommen und auch für die netten Gespräche und sogar Getränke! Die Gäste sind gastfreundlicher als ich- meu deus! Heute fand das letzte Spiel vor der Innenministerkonferenz statt, sodass auch in dieser Partie die ersten zwölf Minuten geschwiegen wurden. Mit dem Ablauf der zwölf Minuten starteten wir mit einer Choreo in die Partie.
Per Seilkonstruktion wurde eine riesige alte Dame am Dach des Olympiastadions hochgezogen. Diese trug eine Art Heiligenschein mit der Aufschrift Ostkurve. Das Motto der Choreo lautete: „Sehet die Fahne der Alten Dame – Fliehet ihr fremden Dämonen„. Dazu wurden einige Fackeln in der Ostkurve gezündet. Im zweiten Teil gab es als Hintergrund noch Glitzerfolien, garniert mit einigen Blinkern. Ich fand die Choreo sehr imposant und gelungen. Es war ein schöner Nebeneffekt, dass man sich gegen Kaiserslautern mal wieder an eine Seilkonstruktion wagte, nachdem die Pfälzer zugegebenermaßen eine sackstarke Choreo in unserer Ostkurve im Pokalfinale zeigten.
Die Fanszene aus Kaiserslautern kam sehr spät im Olympiastadion an. Während des Stimmungsboykotts gab es eine gemeinsame Spruchbandaktion. Kaiserslautern zeigte: „Keine Wahrheiten, keine Kompromisse- Ihr zieht aus euren eigenen Zahlen die falschen Erkenntnisse“. Die Ostkurve zeigte „Keine Wahrheiten- keine Kompromisse! Hertha BSC sagt „Nein“ zu der Änderung der Stadionverbotsrichtlinie“. Kaiserslautern gefiel mir im Nachgang recht gut. Immer mal wieder gab es situative Fackeln und einige größere Pyroaktionen. Trotz des sehr ungünstigen Spielverlaufs stellte man erst nach dem 6:1 den Support ein. Auch knapp 4.500 Gästefans waren auf einen Dienstagabend ordentlich.
Heute war mal wieder ein solcher Tag! Beflügelt vom perfekten Spielverlauf zeigte sich die Ostkurve von ihrer besten Seite. Die Gesänge knallten heute nur so heraus und selbst absolute Klassiker mit Seltenheitswert wie „1 und 2 und 3 und 4“ oder sogar ein extrem kuttiges „Einer geht noch- einer geht noch rein“ wurden heute in den Berliner Abendhimmel gejagt. Dazu stimmte auch ansonsten die Liedauswahl und es machte einfach riesigen Spaß. Am Ende wurde noch ein wenig experimentiert und die ganze Ostkurve pogte wild herum. Was für ein wunderbarer Abend!
Die Mannschaft! Was ist eigentlich gerade los? Noch im Stimmungsboykott erzielte der Pfälzer Boy Luca Schuler die Führung. Das 2:0 fiel für mich nicht sichtbar, da gerade eine Fahne über meinem Kopf war. Kurze Zeit später erhöhte Wunderkind Eichhorn auf 3:0. Ritter erzielte kurz vor dem Pausenpfiff sehr sehenswert den Anschlusstreffer. Spannend wurde es aber dennoch nicht. Hertha blieb dran und schoss die Gäste schlussendlich mit 6:1 aus dem Stadion. Der absolute Wahnsinn.
Nach dem Spiel verweilte ein Großteil der Zuschauer im Stadion und beteiligte sich an der Uffta. Diese knallte massivst. Gerade macht es einfach nur Spaß und ich muss gestehen: Ich habe das Gefühl, dass wir uns diese Phase nach all den nervigen letzten Jahren einfach mal verdient haben. Mit diesem Sieg konnte ich meine Herthabilanz auch wieder drehen. 123 Pflichtspielsiege stehen nun 122 Niederlagen entgegen. Wir sind wieder wer!
Die Mannschaft verabschiedete sich in die Kabine und ich kniff in regelmäßigen Abständen mich und meine umstehenden Personen. Träumte ich das gerade? Anscheinend nicht. Recht zügig ging es geschlossen nach Hause und für mich mal wieder mit dem Nextbike zum S-Bahnhof Grunewald. Die komplette Dunkelheit des Grunewalds sieben Minuten nach den Menschenmassen waren wieder ein irrer Gegensatz. Womöglich schlotterten mir aber nicht nur aufgrund der Kälte, sondern auch aufgrund des Gruselfaktors ein wenig die Knie. Ich überlebte und war kurze Zeit später zu Hause.
Friedhelm Funkel, du alte Losfee am Sonntag! Du bist uns noch etwas schuldig. Hol uns ein Heimspiel gegen Kiel aus dem Topf. „Wir träumen jedes Jahr vom Pokalfinale!“