2. Bundesliga
Zuschauer: 71.157
Olympiastadion: Berlin
Es war alles angerichtet für ein Fußballspektakel im Berliner Olympiastadion. Oft geht man ja doch etwas zurückhaltend in die Heimspiele: Unattraktiver Gegner, körperliche Gesundheit, das Wetter- irgendwas findet man ja immer zum Jammern. Am Samstag fand ich absolut gar nichts. Ich ging voller Vorfreude auf diese Partie aus der Haustür. Hertha gegen Schalke vor ausverkauftem Haus- ein großer Gästeanhang und ein sportlich enorm wichtiges Spiel. Ich war glücklich über das Ende der Winterpause und war angezündet für einen großen Abend.
Kurz nach der Stadionöffnung passierte ich die Kontrollen und ging unmittelbar zum Aufkleberverkauf. Eine Stadionöffnung zwei Stunden vorher und eine große Kulisse sind in der Regel auch für den Aufkleberverkauf gute Nachrichten und so gab es einen riesigen Zustrom zu unserem Stand und ich war kräftig eingespannt. Ich befand mich somit circa 20 Meter vor dem Kurveneingang- ging jedoch logischerweise noch nicht in die Kurve.
Erneut gab es an diesem Spieltag eine massive Polizeipräsenz mit vollausgerüsteten Einheiten. Wie in den vergangenen Wochen hielten diese sich auffällig nah an den Versammlungspunkten der Herthafans auf. Rund um den Fananhänger, den Aufkleberverkauf und um den Kurveneingang standen wieder behelmte Einheiten. Auch an diesem Tag wiederholte sich ein Trend der vergangenen Wochen: Die Polizeieinheiten waren sehr viel in Bewegung und drängten sich immer wieder durch Personengruppen hindurch. Auch hier fällt es mir schwer an Zufälle zu glauben. Hätte jemand die Beherrschung verloren und eventuell zurückgeschubst, hätte man den Anlass für einen Eingriff gehabt.
Gegen 19:10 hörte ich dann Schreie und konnte aus meiner Perspektive sehen, wie zahlreiche Polizisten an mir vorbei in Richtung Kurveneingang stürmten. Großflächig wurde Pfefferspray in die Menge gesprüht und die Polizisten nutzten massivst ihre Knüppel. Aus meiner Perspektive konnte ich auch sehen, wie die Fanszene versuchte die Tore der Ostkurve zu schließen- offensichtlich, um nicht mehr den Schlägen ausgesetzt zu sein.
Für uns beim Verkauf war es eine beschissene Situation. Wir standen da mit einer Schlange von Hunderten Leuten und den Kassen voller Bargeld ziemlich immobil herum. Wir waren räumlich durch die Polizei vom Rest der Fanszene getrennt. Gleichzeitig hatte ich auch wirklich Angst, dass der Fokus der Polizei sich in die andere Richtung verlegt. Bei Pfefferspray oder Schlagstockeinsatz wäre sicher eine Panik unter den normalen Fans ausgebrochen und gleichzeitig wäre eine Flucht durch die Abperrgitter kaum möglich gewesen. So versuchte ich zumindest in unserem Bereich eine gewisse Ruhe einzubringen. Ob das jetzt richtig war weiß ich auch nicht so wirklich. Kurze Zeit später lief ich dann zum Ort des Geschehen und das sich bietende Bild war absolut schockierend. Zahlreiche Leute hatten gereizte und gerötete Augen, es gab Platzwunden und blaue Augen und einfach eine ziemliche Fassungslosigkeit.
Leute, die zum Fußball gehen sind jetzt auch nicht so schnell von einer kleinen Schubserei schockiert. Wenn aber gestandene Männer völlig fassungslos von der Brutalität der Polizei berichten und beschreiben, wie teilweise der Kopf eines unserer Freunde mehrfach gegen die Wand geschlagen wurde, dann macht das etwas mit einem. Wenn gleichzeitig noch Freunde unter der Woche Opfer von Hausdurchsuchungen werden, dann macht das etwas mit einem. Wenn der Grund dafür dann noch Graffiti ist und vor allem Jugendliche betroffen sind, die noch bei ihren Eltern wohnen, dann wird man einfach traurig. Individuell war ich auch schockiert wie alleine durch die Geräuschkulisse während der Auseinandersetzungen die Erinnerungen aus Dortmund bei mir wiederhochkamen. Das sind echt Dinge, die ich nicht mehr erleben möchte.
Nach getaner Arbeit zog sich die Polizei zumindest ein paar Schritte zurück. Auch hier kann man noch einmal betonen, dass sich die Auseinandersetzung direkt im Mittelgang der Kurve zutrug. Ein Ort an dem sich die Polizei bis vor wenigen Wochen noch nie aufgehalten hat. Ein Ort, der für eine freie Kurve steht und der meines Wissens noch nie Raum einer einzigen Straftat war. Es ist alles so ernüchternd.
Als erste Reaktion wurde entschieden den Fananhänger und auch unseren Aufkleberverkauf zu schließen. Ich räumte noch alles auf und ging dann nach unten in die Kurve. Die weiteren Gespräche mit Betroffenen schockierten mich umso mehr. Was ja ebenfalls das Ungerechte an diesen Eskalationen ist: In diesem Fall war die Polizei der Auslöser, die Polizei ist besser ausgerüstet was zu schweren Verletzungen vor allem auf unserer Seite führt. Gleichzeitig hat man eigentlich nur die Option sich verprügeln zu lassen. Sobald man auch nur den Hauch einer Reaktion zeigt, wird man festgenommen und muss im Nachgang mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Richtig bitter, dass auch aus dem direkten Umfeld Leute verhaftet wurden.
Die Gruppen besprachen sich dann und trafen die Entscheidung die Gedenkchoreo für Kay noch durchzuführen und im Nachgang das Stadion zu verlassen. Sicher keine Entscheidung, die leichtfiel. Ich denke gerade im Nachgang hat man aber gesehen, wie richtig sie war. Nur durch die Lücken in der Kurve und die fehlende Stimmung wurden die Hintergründe entsprechend beleuchtet und das Medienecho fiel in weiten Teilen dieses Mal sehr wohlwollend und differenziert aus. Einzige Ausnahme natürlich einmal mehr die Springerpresse, die mit der üblichen Hetze (Unterwanderung des Vereins, Gewaltproblem, Stimmungsboykott schadet dem Verein) auffiel.
Ein riesiges Lob geht an die Nordkurve Gelsenkirchen. Auch die Schalker Fanszene wurde am Spieltag in Bochum schon einer Maßnahme unterzogen. Sie informierten sich dann über die Geschehnisse und solidarisierten sich mit unserer Entscheidung des Stimmungsboykotts. Das kann man ihnen kaum hoch genug anrechnen. Ein Auswärtsspiel mit 20.000 Leuten als Tabellenführer dann nicht entsprechend zu gestalten, muss wehgetan haben. Wir dürfen nie vergessen, dass die Bewegung in Deutschland genau wegen dieser Solidarität über alle Rivalitäten hinweg so stark ist. Vielen Dank an die Schalker Fanszene. Das war wirklich groß! Umso beschissener, dass sie bei der Abreise dann auch noch von der Polizei angegangen wurden.
Die verbliebenen Zaunfahnen wurden noch abgebaut und dann verließen wir circa zur 15. Minute geschlossen die Kurve. Auch hier fand ich es beachtlich wie positiv die normalen Fans auf die Entscheidung reagierten. Beim Fahnenabbau führte ich schon einige Gespräche zu der Entscheidung und immer wurde diese mit viel Verständnis entgegengenommen. Zahlreiche Fans schlossen sich an und es gab keine nennenswerte Gegenbewegung. Ab und zu ein Ha Ho He zu schmettern fand ich auch absolut passend. Auch ein Dank an alle Herthaner. Wir sind mittlerweile wirklich eine echte Gemeinschaft.
Wir sammelten uns dann noch kurz und versuchten so kompakt wie möglich das Stadion zu verlassen. Es ist schon sehr bezeichnend, wie sehr alle Leute mit einem erneuten Angriffsversuch der Polizei rechneten. Das zeigt irgendwie auch das Ausmaß der Brutalität. Wenn eine gesamte Fanszene einfach nur noch körperlich unversehrt vom Ort des Geschehens wegkommen möchte, dann zeigt sich vielleicht auch, dass bei der Polizei eigenes im Argen liegt. Vielleicht wären auch einfach mal regelmäßige Drogentests bei diesen Einheiten hilfreich… Ich glaube die Ergebnisse würden überraschen.
Am Parkplatz wurde dann die Entscheidung getroffen die Verletzten im Krankenhaus zu besuchen. Ich schloss mich einer kleinen Gruppe an und wir verpassten dann die Bahn. 18 Minuten Wartezeit in Berlin ist auch anders wild. Glück im Unglück, denn dadurch konnten wir dann auch mit weiteren Personen aus der Fanszene gemeinsam fahren. Wir erhielten dann aber schon auf dem Weg die Info, dass alle Eingänge zum Krankenhaus von Polizisten in Vollmontur abgeriegelt wurden. Klar! Jemanden im Krankenhaus zu besuchen ist auch eine schwere Straftat. Wir versuchten es dann auf einem anderen Weg. Gerade in einem Park versammelt kam dann die erneute Info, dass die Polizei aus allen Richtungen auf dem Weg war und versuchen würde unsere Personalien festzustellen. Warum war unklar- aber Bock hatte darauf niemand. Im Nachgang hörte ich verschiedene Berichte, dass Seitenstraßen und der Schlosspark durchkämmt wurden. Richtig erfolgreich schien das aber nicht zu sein. Ich hatte die letzten Wochen auch mehr als genug Manhunt geguckt, um mich problemlos vom Ort entfernen zu können.
Es ging dann also geknirscht zurück nach Potsdam. Ich hatte die zweite Halbzeit schon auf dem Handy geguckt und in der Bahn erfolgte dann leider der Abpfiff. Eine richtig tolle Leistung wurde nicht durch einen Sieg belohnt.
Was bleibt ist absolute Betroffenheit. Mir fällt es schwer nicht Parallelen zwischen dem Auftreten der Polizei und der Eskalation in den USA zu ziehen. Polizisten sind in der Regel bei den Großveranstaltungen vermummt, nicht ansprechbar und teilweise sichtbar „aufgeputscht“. Ähnlich wie ICE in den USA ziehen diese Einheiten auch einfach Leute an, die Bock auf Gewalt haben. Wenn das noch begleitet wird von schwierigen, politischen Rahmenbedingungen, dann wird es schnell schwierig. Iris Spranger die Innensenatorin war zu Beginn ihrer Amtszeit ansprechbar und nahbar. Auch hier ist eine völlige Abkehr sichtbar. Am Ende verantwortet sie die Einsatztaktik der Polizei und die unter der Woche erfolgten Hausdurchsuchungen- Gesprächstermine mit Verein und Fanszene schlägt sie aus. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie das für die Eltern eines 19-Jährigen ist, wenn morgens um 6 die Türen aufspringen. Zu was soll das führen außer zu einer Isolation und einer Radikalisierung der Betroffenen?
In keiner Welt ist diese Repression der letzten Wochen hilfreich. Deutschland ist noch eine letzte demokratische Bastion. Freie Kurven als größte Jugendkultur haben darin einen wichtigen Platz. Ich sehe in unserer Ostkurve so viele junge Leute wie noch nie. Die Fanszene schafft es beispiellos diese zu integrieren und ihnen entsprechende Werte auf den Wert zu geben. Unbändige Einsatzbereitschaft, demokratische Prozesse in den Gruppen und der Einsatz für Grundrechte. All das ist auch für demokratische Gesellschaften unverzichtbar. Was soll bei diesen jungen Leuten für ein Gefühl entstehen, wenn sie sehen, in welchen Ausmaß sie kriminalisiert werden. Gleichzeitig ist das Vertrauen auch im Alltag in die Polizei nicht besonders groß. Im Alltag spürt man die Abwesenheit der Polizei und hat nicht unbedingt den Eindruck, dass diese Verbrechen aufklären könnte. Bei Großveranstaltungen wie beim Fußball oder bei Demos bekommt man dann im besten Fall eine komplette Überwachung und im schlechtesten Fall eine auf den Deckel. Top!
Ich bin gespannt, wie die Situation weitergeht. Ich bin stolz auf die differenzierte Stellungnahme von Hertha und wie angesprochen positiv überrascht von den Artikeln der Medien und von der generellen öffentlichen Reaktion. Ich vermute aber auch, dass die Polizei nicht unbedingt glücklich darüber sein wird. Vermutlich wird von deren Seite das Verhalten eher konfrontativer als deeskalierend. Der Ball liegt für mich eindeutig bei Iris Spranger. Anscheinend hat sie zumindest ein Dialogangebot angenommen. Jetzt wird es Zeit auch endlich einen deeskalativen Schritt zu gehen.
Zu guter Letzt: Mein krankes Sammlerhirn hat sich natürlich auch Gedanken dazu gemacht, ob ich dieses Spiel zählen kann. Fakt ist: Ich war weniger als 45 Minuten im Stadion. Gleichzeitig kann man in diesem Fall fast von „höherer Gewalt“ (pun intended!) sprechen. Ein Verbleib im Stadion war alleine für mich nicht denkbar, da ich es mir nicht verziehen hätte, wenn es vor den Toren noch einmal zu einem Angriff von Seiten der Polizei gekommen wäre. Klar, hätte ich 45 Minuten abwarten können- aber das ist ja auch nicht im Sinn der Sache. Aus diesen Gründen bin ich geneigt das Spiel zu zählen. Ich war im Stadion, ein Vorfall hat den Verbleib unmöglich gemacht und wenn ich ehrlich bin, wird man sich an das Spiel länger zurückerinnern als an ein normales Heimspiel. Meldet Euch bei Zustimmung oder Protest auch gerne zurück. Ha Ho He und mal gucken was die nächsten Tage bringen.

