DFB Pokal
Zuschauer: 56.743
Olympiastadion: Berlin
Am Samstag schrieb ich noch von einem Cocktail aus Müdigkeit, Erleichterung und Freude. Heute ist leider nur eine dieser Zutaten vorhanden, die ergänzt wird durch Trauer, Resignation aber auch eine gewaltige Portion Stolz. Ich hatte den gesamten Tag nicht die beste Laune, war nicht wirklich konzentrationsfähig und aufgeregt mit Blick auf das Spiel am Abend. Ganz zu vergleichen mit dem Habfinale 2016 gegen Dortmund war es noch nicht- aber es war definitiv klar, dass man am Abend Teil eines enorm wichtigen Spiels sein würde. Ich war einfach nur noch froh, als ich in den Regio steigen konnte und in Richtung Olympiastadion fuhr. Ich holte mir noch schnell ein zuckerhaltiges Getränk am Parkplatz und ging dann zur Stadionöffnung herein und zum Aufkleberverkauf. Ich war dankbar für die Ablenkung und guckte doch immer wieder verstohlen auf die Uhr.
Als ich dann um kurz nach 8 nach unten in die Kurve ging, platzte diese schon förmlich aus allen Nähten. Alte Gesichter, Freunde hier war heute ein irres Aufgebot am Start. Die Mannschaft hatte sich wohl vorab an die Fanszene gewandt und um eine frühe Aufnahme des Supports gebeten, um den Rahmen für das Spiel zu setzen. Ab diesem Moment war klar: Die Herthaner sind heute bereit und werden alles dafür tun, um dieses Spiel zu gewinnen. Die Ostkurve und die Nebenblöcke waren unfassbar geschlossen und es wurde richtig laut.
Über das gesamte Spiel konnte dieses hohe Niveau gehalten werden. Mit Blick auf die Stimmung war das definitiv eines der besten Hertha-Spiele meines Lebens. Alle gingen wirklich an ihr Limit und so knallte Gesang um Gesang aus der Ostkurve in Richtung Spielfeld. Selbst die etwas schwächeren Phasen hätten an einem normalen Spieltag schon zu viel Lob meinerseits geführt. Das war einfach ein denkwürdiger Tag, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die Ostkurve Hertha BSC zeigte somit einmal mehr, wie sehr wir dieses Finale verdient haben. Diese Gier diesen Traum zu erfüllen war gestern komplett spürbar und ist an anderen Standorten schlicht und ergreifend nicht mit dieser Intensität vorhanden.
In der ersten Halbzeit folgte dann ein unfassbarer Torjubel, der zu zahlreichen blauen Flecken und wilden Jubelaktionen führte. Uns diesen Moment dann durch den Videobeweis zu nehmen ist fast ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wie brutal kann man eigentlich sein? So ganz überzeugt bin ich von der Entscheidung auch nicht. Wie aktiv war Eitschberger denn da in der Situation? Der Torjubel nach dem Ausgleich entschädigte dann zumindest noch einmal für vieles und in diesem Moment nahm ich nicht nur in meinen Augen ein kleines Tränchen war. Für diese Momente fehlen im Nachgang oft die Worte: Aber diese Leidenschaft bei den umstehenden Leuten und vielen Weggefährten zu sehen tat einfach wahnsinnig gut. Für Abende wie diesen gehen wir zum Fußball!
Hertha spielte das gesamte Spiel auf Augenhöhe mit dem SC Freiburg. Die Intensität war überragend und immer mal wieder kam man auch zu guten Chancen. Wie leider schon so oft fehlte ein bisschen die Kaltschnäuzigkeit. Freiburg hatte auch seine Chancen und immer wieder rettete der starke Tjark Ernst. Das 0:1 fiel nach einem haarsträubenden Fehler von Linus Gechter, wobei der Pass von Toni Leistner ihn erst in die schwierige Lage brachte. Reeses Traumtor brachte dann das Elfmeterschießen. Wenn es erst dort endet, ist Fußball einfach nur noch brutal. Cuissance und Klemens waren am Ende die Pechvögel.
Freiburg zeigte einen starken Aufwärtsauftritt. Ober- und Unterring waren gut gefüllt. Zu Beginn zeigten sie ein Fahnenmeer unter dem Motto „Für immer und Dich“. Ob das Motto eine Anspielung an das Rio Reiser Lied oder den Freiburger Tatort war? Die einköpfige Redaktion ist nicht im Bilde. In der Folge zeigte man einen kontinuierlichen Pyroeinsatz und war in unseren Pausen immer mal wieder bei uns zu hören. In der zweiten Halbzeit prangte an der Ballustrade noch ein „SC Freiburg Fans gegen Polizeigewalt“. Vielen Dank für die Anlehnung und Solidarisierung. Trotz des wohl besten Auswärtsauftritts von Freiburg im Olympiastadion, waren wir akustisch komplett überlegen. Das zeigt noch einmal, was das gestern für ein Abend war.
Der Mannschaft wurde von Kreisel mit sehr eloquenten Worten gedankt und der Respekt ausgesprochen. Man kann niemandem einen Vorwurf machen. Danke für diese Pokalsaison und den aufopferungsvollen Kampf und auch wenn es gerade einfach unfassbar weh tut: Mit einigem Abstand werde ich gerne an diesen Pokalabend zurückdenken.
Es war dann irgendwann schon wahnsinnig spät und ich traute dem Abreiseverkehr am Olympiastadion nicht. Also schwang ich mich einmal mehr auf das Nextbike. Meine Unfallstelle der letzten Woche konnte ich dieses Mal erfolgreich überfahren. Die Havelchaussee war dann aber nur sehr sporadisch geräumt und durch den Grunewald ging es bei höchster Konzentration über eine Rutschepiste. Ich kam heile an und bekam somit recht schnell die S-Bahn. Noch ein nächtlicher Spaziergang bis zum nächsten Nextbike und dann ab ins Bett!