04.04.2026 Dynamo Dresden- Hertha BSC 0:1

2. Bundesliga

Zuschauer: 31.414

Rudolf-Harbig-Stadion: Dresden

Bereits die Terminierung dieses Spiels sorgte für gewisse Fragezeichen. Dynamo gegen Hertha am Ostersamstag um 20:30 erschien nach den Ereignissen des Hinspiels eine eher überraschende Wahl. Ich hätte zu 95% auf eine Terminierung mit mehr Tageslicht gewettet. Es kam anders und so fanden wir uns am Samstagabend in Dresden ein. Ich möchte mit diesem Beitrag gar nicht so sehr in das Detail gehen- vor allem so lange noch keine offizielle Kommunikation dazu stattgefunden hat. Daher möchte ich mich auf einige wenige Beobachtungen konzentrieren.

Vorweg: Für mich fühlt sich dieser Abend wie der größte Tiefpunkt meiner bisherigen Fankarriere an. Eine solch relevante Fahne am Spieltag im Block zu verlieren ist einfach wahnsinnig bitter und hinterlässt viele Fragezeichen- vor allem da es mit dem Fahnenklau an Erfurt im Jahr 2011 einen ähnlichen Vorfall gab und an diesem Tag und nach den Vorkommnissen im Hinspiel etwas in der Luft lag.

Daran anschließend noch meinen Sixpack an Gedanken:

  1. Die Freizügigkeit, mit der sich Ultras Dynamo im Stadion bewegen können, ist vermutlich in Deutschland einmalig. Drei sportliche Fahnenwächter von Ultras Dynamo standen circa 10 Meter vom Gästeblock entfernt, um die auf der Westtribüne aufgehängten Fahnen zu bewachen. Zusätzlich gab es im „Familienblock“ deutlich sichtbar zahlreiche sportlich orientierte Leute, die dann wenig überraschend auch bei den Auseinandersetzungen schnell mobilisierbar waren. Diese Möglichkeiten machen das Aufhängen von Fahnen von außen im unteren Bereich extrem riskant. Man entschied sich dennoch dafür und war dort vermutlich auch auf eine Aktion vorbereitet- umso unglücklicher ist das Vernachlässigen des oberen Bereichs.
  2. Wir sehen nun wie die Deppen in Deutschland aus. Meine These ist, dass das gut und gerne 80% der Fanszenen genauso hätte passieren können. Dynamo hat uns in den letzten Jahren als Gegner identifiziert und wollte mit diversen Aktionen einen Klassenunterschied zeigen. Das ist offensichtlich gelungen. Gleichzeitig spielt für mich auch die Entwicklung der Fanszenen hier in der Bewertung eine wichtige Rolle. Riot und Gewalt sind in der Wahrnehmung von Fanszenen bedeutsamer als vor 10-15 Jahren. Dynamo schafft es eindrucksvoll in diesen beiden Aspekten zu glänzen und traditionellere Elemente der Ultrakultur dennoch nicht zu vernachlässigen. Gleichzeitig macht es diese stärkere Betonung von Gewalt es definitiv schwerer für Leute, die diesen Film nicht feiern, in den Fanszenen zu „überleben“. Dadurch sinkt die Diversität, was ich bedauerlich finde.
  3. Grenzüberschreitungen. Ich guckte mir nach der Aktion noch einmal die baulichen Begebenheiten an. Ausgelegt ist dieser Sicherheitsgang/Wartungsgang (was auch immer es war) hinter dem Gästeblock sicherlich nicht für einen riesigen Haufen. Ich hätte einfach Schiss gehabt dort runterzufliegen und mit potenziell katastrophalen Konsequenzen leben zu müssen. Dynamo kennt offensichtlich die baulichen Begebenheiten besser und konnte somit vielleicht auch das Risiko besser abschätzen. Das ist keine Entschuldigung für das Aufhängen der Fahne- ich verstehe aber komplett, dass nicht 100 Leute von uns über diesen Gang in Richtung K-Block gelaufen sind, wenn ein Absturz auf den ersten Blick als eine absolut realistische Option aussieht.
  4. Wahrnehmung. Es sieht maximal ungünstig aus, dass nach den Auseinandersetzungen mehr Leute vom K-Block vor dem Gästeblock stehen als Herthaner. Hier muss man zumindest darauf hinweisen, dass ein Großteil der riot-affinen Leute sich als Reaktion auf die Aktion im oberen Bereich des Blocks befunden hat und ein rechtzeitiges Herunterkommen kaum möglich war. Wer agiert, ist klar im Vorteil: Dynamo war von vorne bis hinten am Agieren und hatte somit auch hier die bessere Antwort.
  5. Falschinformationen. Es ist komplett irre wie viele Falschinformationen und Erklärungsansätze in den sozialen Medien herumgeistern. Hier zeigt sich auch, dass Leute, die Fankultur vor allem über Social Media konsumieren, noch lange kein kritisches Verständnis ebenjener Fankultur erlangen. Wilde Takes, Verschwörungstheorien, schnelle Verurteilungen. Mehr Stadion, weniger Internet.
  6. Konsequenzen. Der Zweck heiligt die Mittel. Oder? Dresden steht nach diesem Tag wie der große Sieger da und das Erlangen der Fahne mag auch die Radikalität der Aktion rechtfertigen. Man muss zumindest konstatieren, dass diese Aktion radikal gegenüber der aktuellen Fanpolitik priorisiert wurde. Die Polizei wird sich die Hände gerieben haben und es ist sicher kein Hot-Take, dass das späte Eingreifen vielleicht auch mit den entstehenden Bildern zu tun hatte. Während die Polizei in den letzten Wochen durch Aktion die gewünschten Bilder produzierte, konnten sie sich heute entspannt zurücklehnen und die Fanszenen sich selber ins Bein schießen lassen. Hin- und herfliegende Fackeln, Auseinandersetzungen im Innenraum, ein massives Polizeiaufgebot dann auf dem Spielfeld. Diese Bilder lassen einen nicht kalt und die Aussagen einiger Innenminister zeigen auch direkt, dass dieser Vorfall für die eigenen Interessen genutzt wird. Aus meiner Perspektive ist mindestens der Zeitpunkt der Aktion maximal unglücklich.

Ich merkte an diesem Tag auch ganz massiv meine eigenen Grenzen. Gerade die Momente der Konfrontation, in denen immer wieder Fackeln in meine Richtung flogen, waren schlicht und ergreifend beängstigend. Keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht. Ein absolut bitterer Tag für jeden Herthaner.

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