29.04.2023 Beijing Guoan- Shandong Taishan 0:0

China Super League

Zuschauer: 50.312

New Worker Stadium: Beijing

Mit gewaltiger Vorfreude fieberte ich dem heutigen Spieltag entgegen. Nach dem Ende der kräftezehrenden Null-Covid Politik, wurden die Spiele der China Super League endlich wieder vor Zuschauern ausgetragen. Zudem war pünktlich zur neuen Saison das neue Worker Stadium fertiggeworden. Dieses wurde für die Ausrichtung der Asienmeisterschaft errichtet. Es gehört zu den vielen skurrilen Geschichten der Null-Covid-Politik, dass China die Gastgeberschaft an Katar weiterreichte und das Turnier in der Folge erst 2024 ausgetragen wird. Wirklich bitter, denn eine Asienmeisterschaft vor der eigenen Haustür, hätte ich sehr gerne mitgenommen.

Ich war in den letzten zwei Jahren unzählige Male an der Baustelle des neuen Worker Stadiums vorbeigeradelt und hatte so den Fortschritt eng verfolgt. Das Stadion hat eine fantastische Lage im Nobelstadtteil Sanlitun und liegt direkt neben dem alten Worker Stadium. Das Eröffnungsspiel hatte ich leider noch verpasst, da die Tickets innerhalb von wenigen Sekunden vergriffen waren. Man muss für den Ticketkauf eine Passnummer hinterlegen und die Kategorie „Pass“ war erst nach einigen Minuten auswählbar. Zu diesem Zeitpunkt war es dann schon zu spät. Ein Schelm wer da etwas Böses denkt…

Beim zweiten Spiel hatte ich aber mehr Glück und konnte eines der letzten Tickets ergattern. Es war ein milder Abend in Peking und entsprechend gutgelaunt, radelten wir zum Stadion. Wir waren circa eine Stunde vor dem Anpfiff da und legten dann die letzten Meter aufgrund der Masse an Menschen zu Fuß zurück. Meine Vorfreude war dann relativ schnell dahin. Wir wurden von Eingang zu Eingang geschickt und es war relativ schnell klar, dass Ausländer lediglich einen der circa 35 Eingänge benutzen können, um das Stadion zu betreten. Während chinesische Staatsbürger ihre „ID“ automatisch einlesen können, musste unsere Passnummer manuell eingetippt werden. Somit standen wir läppische 45 Minuten in der Schlange, während alle anderen maximal fünf Minuten warteten. Ein weiteres Beispiel dafür wie nervtötend das Leben in China als Ausländer manchmal sein kann. Es versteht sich von selbst, dass die Apps zum Ticketkauf keinerlei englische Sprachversion ausweisen. Die Tatsache, dass man sein Ticket mit dem Ausweis verknüpfen muss, wäre in Deutschland für mich sicher ein Grund das Spiel nicht zu besuchen- hier ist dieser Vorgang bei jedem Kaufvorgang (Zugtickets, etc.) völlige Normalität und einem bleibt eigentlich nur die Option sich fatalistisch seinem Schicksal zu fügen.

3 Minuten vor Anpfiff betraten wir somit erst das Stadion und konnten gerade noch die Choreographie der Beijing Guoan Fans mitschneiden. Mit Pappen wurde in den Unterrang der Kurve ein „Guoan“ kreiert. Das sah ziemlich gut aus und im zweiten Teil des Intros wurde die Kurve in ein Fahnenmeer verwandelt. Auch in der Folge war die Kurve gut aufgelegt. Über weite Teile des Spiels konnte eine beachtliche Lautstärke erzeugt werden und immer wieder stiegen weite Teile des Stadions in die Gesänge und Schlachtrufe mit ein. Es war aber definitiv eine Kurve „chinesischer Prägung“, denn insbesondere der Fahneneinsatz wirkte auf das europäische Auge doch sehr synchron und hölzern. Mit welcher Inbrunst das gesamte Stadion jedoch die Gäste aus der Provinz Shandong beleidigte, überraschte und gefiel dann doch. Insbesondere da im Alltag die Aggression zumindest direkt keine Rolle spielt und ich mich des Öfteren darüber wundere wie insbesondere im Straßenverkehr Zusammenstöße nicht mit Flüchen, sondern mit Schweigen quittiert werden.

Die Gäste aus Jinan, das man in einer Stunde mit dem Schnellzug erreichen kann, zeigten ebenfalls einen guten Auftritt. Circa 2.500 Leute hatten sich im Gästeblock breitgemacht und trugen einheitliche orangene T-Shirts. Orange trägt also anscheinend nicht nur die Müllabfuhr. Der Support war in der ersten Halbzeit stark, ebbte dann in der zweiten Halbzeit erheblich ab. Dennoch ein wirklich guter Auftritt der Gäste.

Im Spiel neutralisierten sich beide Mannschaften auf bemerkenswerte Weise. Mir schwante relativ früh böses und ich befürchtete ein 0:0. So kam es am Ende auch. Guoan spielte in der zweiten Halbzeit zwar einen guten Stiefel, konnte jedoch keine wirklich guten Chancen kreieren. Am Ende gab es Applaus, auch wenn der erste Saisonsieg weiter aussteht.

Nach dem Spiel reihten wir uns dann in den Mob an Leuten ein. Dabei wurde auch die Fahrbahn in Beschlag genommen, was in China schon ein kleiner revolutionärer Akt war. Wir genossen die milden Temperaturen und liefen den Weg zu Fuß nach Hause. Ein schöner Fußballabend!

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