Qualifikation Conference Leauge
Zuschauer: 21.196
Estádio Dom Afonso Henriques: Guimarães
Schon etwas länger, durfte man auf dieses Duell in der dritten Qualifikationsrunde der Conference Leauge hoffen. Ich hatte die Zürcher Südkurve erst einmal zu Hause gesehen. Der Eindruck damals war gigantisch, sodass ich es kaum erwarten konnte die Kurve noch einmal auswärts zu sehen. Die Qualifikationsrunden sind ziemlich erbarmungslos, denn der FCZ hatte jetzt genau eine Woche Zeit, um die Reise nach Guimarães zu planen. Das ganze mitten im Hochsommer mit sehr steilen Preisen nach Portugal. Die Verrückten riefen dann zu einer Busanreise nach Guimarães auf. Mittwoch Vormittag sollte es losgehen und am Samstagmorgen wollte man dann zurück in Zürich sein. Wenn meine Informationen stimmen, dann fuhr man alleine mit sieben Bussen aus der Schweiz los. Respekt!
Meine eigene Anreise aus dem nahegelegenen Porto war auf einmal fraglich, denn der gute alte Virus hatte mich wieder. Mit erst der zweiten Infektion bin ich vermutlich ganz gut dabei. Laut der Regeln war ich ein freier Mann, denn selbst bei einer Infektion gab es keinerlei Isolationsauflagen mehr. Kurz bei meinem Kontakt in Guimarães angefragt und dann entschieden das Fußballprogramm in den nächsten Tagen trotzdem durchzuziehen. Den Großteil des Ablaufes, kann man ja relativ abstandsintensiv absolvieren.
Ich entschied mich für den kleinen Komfort und fuhr mit dem Fernbus nach Guimarães. Eine fußläufige Busstation und eine Fahrzeit von 40 Minuten sind schon recht attraktiv. So war ich dann früh am Busterminal der Stadt und entschied mich dafür noch einen Abstecher in die Innenstadt zu machen, um am Treffpunkt der FCZ Fans mal zu schauen, was so los ist. Dort angekommen, entschied ich mich nach dem ersten Blick noch für eine kleine Ehrenrunde, um den Platz von hinten zu erreichen und mich langsam ranzutasten. Ich trank dann gerade einen Café mit Blick auf den Randbereich des Platzes, als die Trommeln ertönten und sich die FCZ Fans unter einem Torbogen sammelten, um sich schon einmal ein bisschen einzusingen. Das nutzte ich noch einmal für einen kleinen Lokalitätswechsel und so hatte ich dann aus einer gesicherten Distanz auch einen guten Blick auf den Haufen, der wunderschöne Lieder sang. Ich fühlte mich zwar wie ein kleiner Voyeur, aber das war ich ja auch. Ziemlich auffällig auch, dass eine recht hohe Zahl von Frauen, die Südkurve Zürich vertrat. Nach circa 30 Minuten setzte sich der Mob dann langsam in Bewegung. Die Polizei war zumindest am Treffpunkt relativ entspannt und hielt sich zurück. Auch die Guimarães Fans waren den Zürichern sehr aufgeschlossen und so gab es teilweise sogar Applaus für die Gesänge.
Ich lief dann in einer Seitengasse, erhaschte noch einen letzten Blick auf den Marsch und landete vor einem Smoothie Laden. Das erschien mir für den Moment mein perfekter Aufenthaltsort. Nur leider hatte ich übersehen, dass der Laden zwei Eingänge hatte. Auch von der Straße des Marsches, gab es einen Zugang, sodass auch einige Zürich Fans im Laden waren, um sich noch schnell ein Getränk zu holen. Die „Spotter“ der portugiesischen Polizei hütete dann ihre Schäfchen, verfügten kurzerhand ein Glasflaschenverbot- füllten das Bier dann aber auch eigenhändig in Plastikbecher um. Natürlich wurde aber auch wieder „Racial profiling“ angewandt und so wollten mich die Spotter zweimal in den Zürich Marsch zwingen. Mein Portugiesisch rettete mich dann aber, sodass ich in Ruhe meinen Smoothie trinken durfte.
Kurze Zeit später, lief ich dann zum Treffpunkt, um meine Karte für das Spiel zu erhalten. Der Treffpunkt war der Aufenthaltsort der gesamten White Angels. Wieder einmal Danke nach Guimarães für die Kartenklärung und die Gastfreundschaft. Nach einem kurzen Gespräch machte ich mich dann aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit auch schon auf den Weg in das Stadion. Die Einlasskontrollen waren wieder entspannt und so suchte ich mir relativ weit oben einen Platz, um etwas abseits zu sitzen.
Die Südtribüne ist mit dem Rest des Stadions nicht verbunden, sodass ich keine Möglichkeit hatte, um mich auf eine Gerade zu schleichen. Das war für die Betrachtung des Zürich Auftritts natürlich nicht von Vorteil. Trotz des Standorts war das einfach eine absolute Wucht. Fast 90 Minuten sagen die Zürcher geniale Melodien, waren am Springen und hatten einen genialen Fahneneinsatz. Zu Beginn der Partie und nach der Hymne von Guimarães gab es noch ein kleines Fackelintro. Auch dieses kleine Detail, ließ mich verzückt zurück. Das war definitiv kein Zufall, dass sie die brachiale Hymne abwarteten und dann erst in der zweiten Minute mit dem Intro starteten. Das war eine reife und absolut inspirierende Fanszene, die ich an diesem Tag in Guimarães bewundern durfte. Chapeau Zürich! Danke, liebe Losfee!
Die Fans aus Guimarães stemmten sich mit allem, was sie hatten gegen die Gästefans. Besonders deutlich war aber der Unterschied im Tifoeinsatz. Vielleicht ist das auch der Augenblick, um noch einmal einen größeren Blick auf die Rahmenbedingungen für die portugiesische Ultràkultur zu werfen. Im Jahr 2018 gab es in Portugal noch einmal eine Gesetzesverschärfung, die offiziell Gewalt im Fußball verhindern soll. Um typische Mittel der Fankultur nutzen zu können- also Fahnen, Spruchbänder, Trommeln oder Megaphone, müssen sich Gruppen legalisieren lassen. Das geht einher mit der Abgabe der Personalien (Name, Foto, Adresse, Passnummer, Telefonnummer, E-Mail-Adresse). Völlig wild. Einige der größten Gruppen des Landes haben den Prozess der Legalisierung gewählt. Darunter ruhmreiche Gruppen wie Super Dragões und Colectivo Ultras 95 vom FC Porto oder die großen Gruppen von Sporting (Juventude Leonina, Torcida Verde, Directivo Ultras XXI und Brigada Ultras Sporting). Das führt zu einem Paradoxon. Als gelegentlicher Besucher der portugiesischen Stadien, findet man den Kurvenauftritt in Porto oder bei Sporting als imposant. Das liegt aber auch daran, dass andere Szenen, den Weg der Legalisierung entschieden ablehnen.
Das bedeutet dann im Umkehrschluss bei nicht legalisierten Szenen, dass nur Fahnen der Größe 1*1 Meter erlaubt sind. Alles andere ist verboten. Die Faustregel könnte also auch heißen: Je weniger Tifo, desto mehr Mentalität. In Guimarães sind derzeit keine Gruppen legalisiert, was dann auch viele der Schwierigkeiten der Kurve erklärt. Kein Megaphon zur Koordinierung und abgesehen von ein paar Fähnchen, keinerlei Tifo. Eklatanter hätte der Unterschied zu Zürich kaum sein können. Interessanterweise gab es in den portugiesischen Medien nach dem Auftritt der FCZ-Fans auch einige Diskussionen über die Gerechtigkeit der Materialeinschränkungen.
Es ist wirklich bitter, wie Ultras in diesem Land kriminalisiert werden und wie viel Potenzial somit verschenkt werden. In einem ansonsten so liberalen Land wie Portugal, kann ich diese Einschränkungen auch kaum verstehen. Ich möchte mir auch nicht anmaßen über legalisierte Gruppen zu urteilen, gleichwohl nötigt es mir großen Respekt ab, wenn sich Gruppen gegen die Legalisierung wehren. Freiheit für die Ultras!
Auch fußballerisch ist Vitória ziemlich gut in Form. Auch das Rückspiel, konnte locker gewonnen werden und so hieß es akkumuliert am Ende dann sogar 5:0 nach beiden Spielen. Applaus gab es trotzdem für den FC Zürich.
Nach dem Spiel ging es dann für mich zu Fuß zum Bahnhof und dann mit dem Zug zurück nach Porto. Ziemlich kaputt und fertig, aber auch glücklich diesen Fußballabend erlebt haben zu dürfen.








