20.09.2025 Hertha BSC- SC Paderborn 0:2

2. Bundesliga

Zuschauer: 44.718

Olympiastadion: Berlin

Wir zauderten, wir zögerten und wogen ab: Was wäre wohl die passendste Partie für das erste Herthaspiel des Nachwuchsherthaners? Irgendetwas war immer: Mal zu viele Zuschauer, mal zu viel Würze im Spiel, mal eine zu späte Anstoßzeit. Schon früh hatten wir das Heimspiel gegen Paderborn ins Auge gefasst. Eine vernünftige Anstoßzeit, eine überschaubare Kulisse und Hertha rief im Vorfeld sogar noch den Kinderspieltag aus. Was sollte da noch schiefgehen?

Am Vortag ging allerdings so einiges schief, denn ich hatte einen ziemlich heftigen Fahrradunfall, der mich in die Notaufnahme des Krankenhauses führte. Die Erstdiagnose war wenig erfreulich und die Schmerzen waren gigantisch. Da die Krankenschwester mir aber auf der Schmerzskala verdeutlichte, dass eine Geburt als 10 gewertet würde, traute ich mich nicht mehr als eine 5 auszuwählen. Nun denn: Mittlerweile ist seit dem Spiel so viel Zeit vergangen, dass ich die Spannung rausnehmen kann. Bei der Folgeuntersuchung war die Diagnose erfreulicher und so blieben die Schmerzen, aber die Beweglichkeit kam schneller als erträumt zurück. Aber um mich soll es hier gar nicht gehen- ich möchte nur den Rahmen für den Spielbesuch setzen.

Mein zweiter Gedanke nach dem Sturz war: Fuck- ich muss es morgen zu diesem Spiel schaffen. Mein erster Gedanke nach dem Röntgen war: Fuck it! Das schaffe ich! Und so machte sich unsere kleine Kolonne am Samstagmorgen auf dem Weg in das Olympiastadion. Ich erspare Euch an der Stelle die Details wie lange ich benötigte mein Trikot anzuziehen und welche Geräusche ich dabei machte. Völlig crazy, dass der Jungsche am Morgen sogar einen Besuch beim Spielplatz ausschlug: Er wachte auf mit den Worten „Hertha“ und auch der Spielplatz wurde mit den Worten „Lieber zu Hertha gehen“ abgelehnt.

Die S-Bahnfahrt verlief erstaunlich entspannt und so kamen wir kurz nach der Stadionöffnung an. Vor dem Eingang gab es dann nicht eine, sondern gleich zwei Herthafahnen in die Hand gedrückt. Ordner SchlauSchlau, der nach einem Ticket fragte wurde abgewimmelt und dann bogen wir ab zur Wiese und trafen zu unserer Freude gleich einige bekannte Gesichter. Grüße an Tschernie, der sich richtig viel Zeit nahm. Ich habe mir im Vorfeld so viele Gedanken über diesen Spielbesuch gemacht und war mir eigentlich fast sicher, dass es etwas schwierig werden würde: Wie überfordernd müssen diese Menschenmassen und diese Lautstärke für so einen kleinen Menschen sein, der das zum ersten Mal sieht? Joa- falsch gedacht. Es brauchte keine fünf Minuten, dann war die Akklimatisierung abgeschlossen und es wurde mit bekannten und fremden Gesichtern gegen den Ball gekickt. Auch die Bären erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Wahnsinn! Der Südberliner Ebert beehrte uns dann später auch noch. Grüße!

Circa 20 Minuten vor dem Anpfiff gingen wir dann in die Richtung unserer Plätze. Wir machten noch einen kleinen Schwenk zum Aufkleberstand und dort gab es sogar ein Paket mit der schönsten Fahne der Welt geschenkt. Vielen Dank! Am Blockeingang stellten wir dann fest, dass wir es vollbracht hatten die Kopfhörer liegen zu lassen. Wir ließen uns kurz nieder und der Klabauterkeaper sprintete dankenswerter noch einmal zurück, um diese zu holen. Bei der Wiederkehr muss eine gewisse Verwunderung vorgeherrscht haben, denn ich war komplett am Heulen und auch beim Schreiben dieser Zeilen ist es schon wieder um mich geschehen. Dieser Moment, wie wir das „Nur nach Hause“ gemeinsam (!) sangen und er dabei die Fahne wedelte: Das war einfach einer der krassesten Momente meines Lebens. Ich glaube so sehr an dieses Fußballding. Ich glaube an die Werte, die eine Kurve vermitteln kann. Ich glaube an die Selbstaufopferung und die Hingabe an etwas nicht Kontrollierbares. Ich glaube an das wofür wir als (Fanszene) Hertha BSC stehen. Zu sehen, wie mein Sohn schon in Ansätzen diese Bedeutung erfasste war einfach das Größte!

Auch in der Folge war ich komplett verwundert. Eigentlich war längst Mittagsschlafzeit- aber der Kleine dachte nicht einmal daran. Fleißig wurde die Fahne gewedelt, die Treppe hoch und runter gepacet und immer und immer wieder auf die Kurve geguckt. Dazu sang er mit. Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet. Boah- war das schön!

Hertha hatte wohl unter der Woche einen Corona Ausbruch. Auch wenn ich das nicht unbedingt als Entschuldigung gelten lassen möchte, war es zumindest ein Erklärungsansatz für das Auftreten. Das war gar nichts. Sang- und klanglos verlor man gegen clevere Paderborner mit 0:2. Aber das war mir an diesem Tag wirklich komplett egal. Außerdem erzählt es sich in 20 Jahren definitiv besser, wenn man sagt, dass das erste Herthaspiel eine 0:2 Niederlage gegen Paderborn war.

Kurz nach dem Abpfiff, machte der Kleine es sich dann bequem und schlief friedlich ein. Leider wurden wir bereits nach 30 Minuten von den Ordnern geweckt, die den Bereich räumen wollten. Bis dahin waren sie aber sehr zurückhaltend. Ging in Ordnung! Das Stadion hatte sich bereits etwas geleert und so bekamen wir recht problemlos eine S-Bahn, die auch fast direkt losfuhr. In Charlottenburg konnten wir dann sogar in den Regio wechseln. Organisatorisch klappte heute fast alles perfekt!

Kurze Zeit später erreichten wir dann unser zu Hause und ich war fix und fertig und warf mir noch mal ein paar Schmerztabletten ein und schmierte zentimerdick Voltaren auf meinen Oberschenkel! Und dennoch würde ich fast sagen: Den Unfall war es wert. So kam ich nicht in die Versuchung in die Kurve zu gehen. Das erste Herthaspiel komplett mit meinem Kleinen verbracht zu haben wiegt so viel mehr als ein paar olle Prellungen! Und Kleiner: Wenn Du das hier irgendwann mal liest: Mehr als an diesem Tag kann ich Dir vermutlich nicht beibringen. In einer Zeit von toxischen und fragilen Männeregos kann ich Dir nur das vorleben: Es ist in Ordnung Emotionen zu zeigen und inmitten eines vollen Stadions hemmungslos zu weinen. Genau so okay ist es in ebenjenem Stadion beim nächsten Spiel die Gäste zu bepöbeln. Du wirst deinen Weg gehen und ich könnte nicht glücklicher sein, dich dabei zu begleiten.

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