27.10.2018 Borussia Dortmund vs Hertha BSC 2:2

Bundesliga

Zuschauer: 81.000

Westfalenstadion: Dortmund

Es hätte ein wunderbarer Tag werden können. Ein Spiel zur klassischen Fußballzeit um 15.30 im Westfalenstadion in Dortmund. Beide Mannschaften waren super drauf und es war angerichtet ein Fußballfest zu werden. Ich betrat gegen 14.30 den Block und begrüßte einige bekannte Gesichter. Zum Einlaufen der Mannschaften gab es eine optische Aktion zu „15 Jahren Hauptstadtmafia“. An Fahnenstangen wurde ein großes Banner: „Ultras- 15 Jahre Hauptstadtmafia“ präsentiert. Das Bild wurde durch Fackeln, Strobos und Rauchtöpfe unterlegt. Zudem gab es Dutzende Blau-Weiße Herthafahnen, die geschwenkt wurden. Nach der Aktion wurde die Fahne in den Innenraum gelegt und die Stimmung stieg weiter. Die Mannschaft überstand die ersten Aktionen glimpflich und wurde nach vorne gepeitscht. Es gingen noch einmal zwei einzelne Fackeln an, als die Polizei mit circa 50-60 hochgerüsteten Beamten in den unteren Bereich zwischen Zaun und Block einlief.

 

In dem Moment dachte ich noch: „Wahnsinn, dass der mit der Fackel so cool bleibt“ und sie einfach in der Hand behält. Dann griff einer der Polizisten nach der Choreo-Fahne der Hauptstadtmafia, die zu diesem Zeitpunkt im Innenraum lag und nicht hochgezogen wurde, um sich zu vermummen, wie von einigen Medien kolportiert wurde. Vereinzelte Personen sprangen über den Zaun und gaben uns die Fahne in den Block. Da ich ziemlich weit vorne stand, griff auch ich nach der Fahne und es entwickelte sich eine Art Tauziehen. Während die Herthaner einfach nur ihre Fahne festhielten, knüppelten die Polizisten immer wieder auf Herthaner ein. Dabei in die Gesichter dieser Polizisten zu gucken, die mit großer Offensichtlichkeit wie berauscht von dieser Gewalt waren, war ziemlich beängstigend.

 

Dann aus dem Nichts und ohne, dass ich es kommen sah, wurde massiv Pfefferspray eingesetzt. Mich traf es ziemlich übel und ich konnte weder sehen, noch wusste ich wirklich wo ich war. Irgendwann bekam ich einen Wellenbrecher zu fassen, an dem ich mich festhielt. Mir war klar, ich musste irgendwie aus diesem Block raus. Großen Dank an alle Leute, die in dieser Situation halfen und mich aus diesem Block herausbrachten. Wahnsinn, dass Leute teilweise den Weg einfach nicht freimachen, sondern mit Gaffen beschäftigt waren. Irgendwann war ich dann aus dem Block heraus und wurde von etlichen Herthanern versorgt, die versuchten das Pfefferspray aus meinen Augen zu bekommen. Auch ein Sanitäter wurde zu mir gerufen, der die Hilfe jedoch verweigerte, da er „nicht helfen könne“. Dann verschwanden die Sanitäter und wurden vor dem Block nicht mehr gesehen. Was das sollte, ist mir völlig schleierhaft und wirklich schockierend.

 

Die nächsten 30 Minuten waren höchst unangenehm und mir wurde immer wieder Wasser in die Augen gekippt. Außerdem zitterte ich wegen des Schocks am ganzen Körper. Tausend Dank an all die couragierten Herthaner, die sich um Wasser, Tücher und moralische Unterstützung kümmerten. Ich weiß nicht, was ich ohne Euch gemacht hätte. Immer mal wieder, wurden wir Verletzten während dieser Phase von Dortmunder Fans bepöbelt.

 

Um den Halbzeitpfiff herum, war ich dann langsam wieder ansprechbar, ich konnte wieder halbwegs sehen und ich schlotterte nur noch vor Kälte und nicht mehr vor Schock. Auch da gilt mein Dank den Umstehenden, die mich mit warmer Kleidung versorgten und meine Sachen sogar trockenföhnten, denn nach der Wasseraktion, war ich pittschenass. Schlussendlich wurde mir von meiner einen Helferin sogar noch ein Kakao spendiert. Tausend Dank, wirklich!

 

Von den weiteren Aktionen bekam ich also nur wenig mit. Der Gegenangriff von Herthanern auf die Polizei mag jeder anders bewerten. Ich hörte in der Halbzeit nur die Geräusche, wie gerade die Sanitäranlage zerlegt wurde. Eine dumme Aktion und ich stand immer noch so unter Schock, dass ich schleunigst in den Oberrang wechselte und dort die letzten 30 Minuten verfolgte. Dort schlotterte ich dann vor Kälte und mit dem Ausgleich von Kalou brachen bei mir endgültig die Dämme und ich heulte wie ein Schlosshund und umarmte alteingesessene Herthaner, die ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte in einem Meer voller Dortmunder. Wahnsinn.

 

Nach dem Spiel erreichte ich irgendwann mein Quartier in Dortmund und duschte erst einmal warm und versuchte den Pfeffer von meinem wahnsinnig brennenden Körper herunterzubekommen. Vielen Dank auch an alle Helfenden zu diesem Zeitpunkt. Als ich dann die Videos und die Medienberichte anschaute, war ich einfach nur ernüchtert wie einseitig die Mediendarstellung war. Die Rollen waren klar verteilt- Die Herthaner waren die Täter und die Polizisten die Opfer. Wie von Menschen in Kommentarspalten dieser Polizeieinsatz gutgeheißen wird und einem noch viel Schlimmeres gewünscht wird… In diesen Momenten zerbricht etwas in einem. Ich war weder an der Pyrozünderei beteiligt, noch habe ich einen Polizisten beleidigt oder geschlagen. Ich habe lediglich eine uns gehörende Fahne festgehalten und wurde als Unbeteiligter durch diesen Polizeieinsatz verletzt. Dass dieser Auslöser so gar nicht hinterfragt wird, ist bedrückend. Man kann den Gegenangriff auf die Polizei und vor allem die Zerstörung der sanitären Anlagen verurteilen. Teilweise sollte man es sogar. Aber man muss auch diesen Polizeieinsatz und die Entscheidung des Einsatzleiters aufs Schärfste kritisieren, der durch sein Verhalten zahlreiche Unbeteiligte verletzt hat und zwar weitaus mehr, als die Zahl, die in den Medien kursiert. Wer sich während der ersten Halbzeit hinter der Tribüne aufhielt, der musste geschockt sein, denn das waren Szenen aus einem Bürgerkriegsland und einer deutschen Institution nicht würdig.

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