02.11.2019 1. FC Union Berlin vs Hertha BSC 1:0

1. Bundesliga

Zuschauer: 22.012

Stadion an der alten Försterei: Köpenick

Puh! Das war also das lang erwartete Derby. Viele Eindrücke, einige positive, einige negative. Über allem steht aber natürlich die unverzeihliche Niederlage der Mannschaft auf dem Spielfeld, mit der wohl kaum ein Blau-Weißer gerechnet hatte. Dabei kennen wir unsere Hertha doch eigentlich… Aber der Reihe nach.

Im Vorfeld der Derbywoche gab es kleinere Scharmützel zwischen den beiden Fanszenen. Es blieb jedoch erstaunlich ruhig und beide Seiten konzentrierten sich beispielsweise auf diverse Graffitiaktionen. Dabei wurden auch absurde Aktionen geplant, die nur als Provokation gewertet werden können. So wurde beispielsweise am Donnerstagabend eine Gruppe Unioner am Wannsee erspäht. Wahnsinn und zumindest das Übermalen der naheliegenden Herthabilder konnte verhindert werden.

Am Freitag machte sich dann ein erstaunlicher Mob auf, um dem Abschlusstraining beizuwohnen. Sicher trug auch der gut gewählte Termin zum Karten abholen zu der Masse an Menschen bei. Dennoch beachtlich das bei schlechtem Wetter auf einen Freitagnachmittag circa 2.000 Herthaner ins Amateurstadion kommen, um die Mannschaft noch einmal heiß zu machen. Das gemeinsame Einhaken und die Ansagen der Vorsänger sollten die Mannschaft eigentlich motiviert haben. Zudem wurde noch ein Spruchband an die Mannschaft gerichtet: „Jagt sie über den Platz wie wir sie durch den Wald.“ Die passende Reaktion auf das Spruchband der Unioner beim Pokalspiel in Freiburg. Warum die Unioner Fanszene nach der deutlichen Niederlage auf dem Acker dieses Fass aufmacht, bleibt für mich ein Geheimnis.

Auch der Derbytag startete für mich dann eher entspannt. Der erste inoffizielle Treffpunkt galt nur für die Gruppen und das Umfeld, sodass für mich der Derbytag der erste Tag in der Woche war, an dem ich ein bisschen Schlaf bekam. Auch eine verrückte Welt. Dann ging es nach Charlottenburg, ich setzte einen Fuffi auf Hertha (Warum bin ich so gestört?) und ich nutzte die Zeit dann um gemütlich in Richtung Boxi zu laufen. So flanierte ich fast acht Kilometer durch Berlin, ehe ich dann die letzten Kilometer mit der U-Bahn zurücklegte. So richtig viel Derbystimmung war in der Stadt nicht auszumachen, was einmal mehr die Masse an Touristen und Zugezogenen in der Stadt verdeutlicht. Ich erreichte dann den Boxi, schüttelte ein paar Hände und stimmte mich dann portugiesisch auf das Spiel ein. Dann half ich noch ein Stündchen beim Verkauf der Derbyjacken und wiederholte mantraartig den Spruch: „Heute nur für Karteninhaber. Vielleicht beim nächsten Heimspiel noch einmal“. Dennoch schön, dass auch Herthaner ohne Karte beim Treffpunkt waren.

Dann herrschte Aufbruchstimmung, wir verkauften die letzten Jacken und verluden dann die übergebliebenen Exemplare in das auserkorene Gefährt. Dann ging es nach vorne und per Corteo und mittlerweile sogar etwas Sonnenschein in Richtung Warschauer Straße. Auf diesem Weg passte sehr vieles. Bestimmt 2.000 Herthaner beteiligten sich an dem Marsch und gaben durch die einheitlichen Jacken ein richtig gutes Bild ab. Dazu wurden einige Gesänge durch Friedrichshain gejagt. Ein Corteo ganz nach meinem Geschmack. Ohne großes Posertum, aber dennoch beeindruckend. Sehr schön Herthaner!

Am S-Bahnhof Warschauer Straße wurde es dann das erste Mal ein wenig nervig und die bis dahin entspannte Polizei wechselte ich den gewohnten unsachlichen Modus über. So gab es unnötiges Gedränge und Diskussionen, bis feststand, dass der Mob sich in zwei Hälften teilen würde und mit zwei S-Bahnen zum Bahnhof Wuhlheide fahren würde. Die Fahrt war schweißtreibend und eng und am S-Bahnhof Wuhlheide war dann erst einmal Kollektivpinkeln angesagt. Dann kam auch die zweite Hälfte des Mobs und wir setzten unseren Weg in Richtung Alte Försterei fort. Die Anspannung war langsam etwas spürbarer. Nach einer weiteren halben Stunde zu Fuß erreichten wir dann langsam das Stadionumfeld. Dort gab es von einigen Normalos dann etwas Pyro. Auch hier blieb aber alles entspannt. Union war weit und breit nicht zu sehen und so überquerten wir die Tramgleise und gingen in Richtung Einlass.

Dort wurden dann immer nur ein paar Herthaner durchgelassen und so zog sich das Prozedere ziemlich lange. Die Kontrolle war dann sehr entspannt und so ging es zügig die letzten Meter in das Stadioninnere. Dort erwarteten einen dann sehr faire Konsumpreise. Die Bratwurst für 2,50 und das Steak für 3 Euro. Das sind wirklich faire Preise und so schlug ich dann auch noch beim Steak zu, um mich zu stärken. Union Berlin, dafür gibt es von mir ein Lob. Dann ging es in den unteren Bereich des Blocks und das durch die Wendejacken entstehende Bild war wirklich super. Zunächst trugen wir unten die weißen Seiten der Jacken, während der obere Teil den blauen Teil trug. Im Laufe der Partie wurde das Bild dann noch etliche Male gewechselt. Sah wirklich gut aus und machte richtig etwas her.

Um 18:15 wurde dann noch einmal ein Spruchband in Richtung Union gezeigt. „Würde Eure Mannschaft so kämpfen wie ihr, dann wäre sie heute nicht hier“. Danach starteten beide Seiten mit einer Choreo in die Partie. Union inszenierte das Orakel von Köpenick. Ein rot-weißer Krieger attackierte mit einem Schwert eine blau-weiße Medusa. Dazu gab es auf der Gegentribüne eine große Blockfahne mit einem Orakeltext, den im Stadion wohl 0% der Zuschauer lesen konnten. Durch die Bilder konnte sich dieser Wert dann auf 3% erhöhen. Ein echtes Highlight war das auf der Waldseite dann noch der Spruch „Spreeathen ist weiß und rot“ gezeigt wurde.

Spreeathen? War da nicht etwas? Mit großer Freude zitiere ich Euch hiermit das Derbyfazit aus dem Jahr 2013, das auf der Homepage der Hammerhearts veröffentlicht wurde. „Außerdem halte ich es für fragwürdig, die angeblich geilste Stadt der Welt in nen Vergleich mit ner anderen Stadt zu ziehen und seine Heimat damit am Ende eigentlich abzuwerten.“ Man muss anscheinend mit der Zeit gehen, denken sich viele Unioner. Für mich ist diese Aktion sinnbildlich für die rot-weiße Fanszene. Man denkt man hat die Weisheit gepachtet und dann kommt so eine Kehrtwende.

Vom Boulevard wurde teilweise ja noch aufgegriffen, dass uns in dem Text der Tod prophezeit wurde. Der Vollständigkeit halber hier noch mal was wohl auf der Blockfahne stand. „Angekommen im Fußball-Olymp, nach einer schier endlosen Odyssee, schlägst du nun deine größte Schlacht. Deinem Gegner wird dies fortan bedeuten: Erst die Sünde, nun der Tod.“ Joah.

Wir starteten das Spiel ebenfalls mit einer kleinen optischen Aktion. Es wurde eine Blockfahne mit einer Herthanerin gezeigt, die im klassischen blau-weißen Trikot dastand. Dazu der Spruch „Es gibt nur ein Berlin und das ist mein Berlin.“ Den Spruch fand ich sehr nice und passend. Ich finde das Gesicht der Dame konnte man jetzt auch nicht so zu 100% erkennen. In der zweiten Halbzeit wurde das Motiv erneut gezeigt und um einen Schlauchschal ergänzt. Zudem gab es das Spruchband „Hält uns auch keiner für normal- das ist uns alles ganz egal“. Nachdem zuvor schon immer wieder Fackeln angerissen wurden, startete jetzt eine großflächige Pyroaktion im gesamten Block, die sehr schön anzusehen war. An allen Ecken brannte es und neben Fackeln wurden auch einige Blinker angezündet.

Zur gleichen Zeit gingen auch auf der Waldseite viele Fackeln an. Sah ebenfalls sehr gut aus. Teilweise hatten sich Unioner bereits zum Anpfiff unter einer Blockfahne vermummt und blieben das gesamte Spiel so. Danke, dass wir eure Gesichter nicht sehen mussten! Während dieser Pyroshow wurde die Partie kurz unterbrochen. Als Aytekin das Spiel gerade wieder anpfeifen wollte, flog aus unserem Block noch eine Leuchtrakete auf das Spielfeld, die in der Nähe der Unioner Trainerbank einschlug. Somit bat Aytekin die beiden Mannschaften noch einmal in die Kabine. Eine wirklich dämliche Aktion, die so wirklich nicht hätte sein müssen. Man hatte eine tolle optische Aktion. Sinn dieser Rakete erschloss sich mir nicht und der Zeitpunkt noch weniger.

Auch in der zweiten Halbzeit wurde unser Block immer mal wieder von Fackeln erleuchtet. Die Stimmung war in Ordnung. Für mich war das im unteren Bereich des Blocks schwer zu beurteilen. Für ein Derby kann man damit aber meiner Meinung nach nicht zufrieden sein. Bei so einem Spiel muss man doch wirklich völlig ausrasten und alles lassen was man hat. Ob das bei allen anwesenden Herthanern der Fall war, möchte ich eher in Frage stellen.

Bei Union muss ich ein ähnliches Fazit ziehen. Ohne Frage: Union hat einige schöne Lieder und mir gefällt, dass diese schön langsam und laut gesungen werden. Über weite Strecken des Spiels war die Waldseite auch da aber ziemlich isoliert. Wenn die Gegentribüne miteinstieg wurde es auch mal laut, aber auch nicht überragend. Die Haupttribüne war völlig apathisch. Ich möchte das hier nicht unnötig schlecht reden, aber ich denke für den Rahmen des Spiels kann Union genauso wenig zufrieden sein wie wir.

Die absolute Schande bekamen wir jedoch auf dem Spielfeld zu sehen. Wir hatten der Mannschaft bei jeder Gelegenheit den Rücken gestärkt, sie unterstützt und sie heiß gemacht auf dieses Spiel. Zu sehen war davon absolut gar nichts. Das gesamte Spiel war Hertha lethargisch, viel zu passiv und absolut mutlos. Teilweise wurde Union der Ball überlassen. So verwunderte es nicht, dass Union direkt zu Beginn eine Riesenchance hatte. Der Innenpfosten rettete Hertha. In der Folge passierte wirklich absolut gar nichts. Beide Mannschaften spielten grottigen Fußball und hatten keine wirkliche Torchancen. Ein 0:0 wäre das folgerichtige Ergebnis gewesen und selbst das wäre eine Schmach gewesen. Durch einen absolut unnötigen und dämlichen Foulelfmeter schenkten wir Union dann kurz vor Ende noch den Siegtreffer und gingen tatsächlich sang- und klanglos als Derbyverlierer vom Platz. Mannschaft, so tritt man nicht auf! Schämt Euch einfach.

Beide Seiten präsentierten während des Spiels noch geklaute Fanartikel des Vereins. Union begann das Schauspiel, indem fast über die gesamte Waldseite Hertha Sachen präsentiert wurden. Ich habe mir die gezeigten Sachen auf Fotos noch einmal angeguckt und muss wirklich sagen: Geht es noch Union? Für viele der gezeigten Sachen muss man sich wirklich schämen und das ist wohl das jahrelange Resultat des Auflauerns von Herthanern in Ostberlin. Relevant waren ein paar Ostkurvenshirts, zwei Choerofahnen aus Dortmund und ein Berlin Schal. Wow. Zudem wurden noch drei Zaunfahnen, bzw. Doppelhalter präsentiert.

Zum einen eine Fahne der Sektion Kalktown. Ist mir bisher nicht aufgefallen. Eine Fahne der Happy Weekend Boys. Die hatten ihre aktivere Zeit definitiv auch vor einigen Jahren und das ist auch wirklich nicht mein Haufen. Zudem wurde noch ein Doppelhalter der Harlekins Berlin präsentiert. Jetzt denken alle: Woooh, HB hat einen Doppelhalter verloren. Auch die Präsentation hat ein Geschmäckle. Der Doppelhalter stammt aus dem Jahr 2001, zu einer Zeit, in der HB noch eine offene Gruppe war und jeder sein Material mit nach Hause nahm. Vermutlich ist die Person später weggebrochen, hat das Ding im Schrank vermotten lassen und dann den Unionern angedreht. Sehr ehrenhafter Move.

Auch an unserem Zaun brannten dann noch einige Artikel. Der Großteil bestand aus Shirts, die auf dem Acker erbeutet wurden. Aber auch hier waren einige etwas lächerliche Sachen dabei…

Union zeigte noch zwei weitere Spruchbänder: „Damals & Heute. Alles bleibt wie es ist!!! Ultras ohne Ehre!“ Dieses wurde im Style von HB angefertigt und war wohl eine Anspielung auf den Einbruch im Union Fancontainer vor einigen Wochen. Man kann die Bedenken verstehen, aber wir waren es nicht. Insofern. Ja, alles bleibt wie es ist!

Zudem gab es noch ein Spruchband: „Wenn die eigene Identität in der Krise steckt sucht man sich ein Hassobjekt.“. Das Spruchband fand ich sogar interessant. Ich finde es trifft in Teilen auf beide Fanseiten zu. Auf beiden Seiten hat sich diese Rivalität einfach extrem hochgeschaukelt in den letzten Jahren. Man sieht das auch zwischen den Normalos, die friedlich nebeneinander auf der Haupttribüne saßen und mit dem Hass nicht viel anfangen können. Beide Fanszenen haben hier ihren enormen Teil beigetragen, dass sich das Verhältnis so verschlechtert hat. Beide Seiten wollten noch ein richtiges Derby. Das hat man jetzt. Ob das so wirklich hätte kommen müssen weiß ich nicht. Und mich lässt das Derby auch eher ratlos zurück.

Ein Negativhighlight auf beiden Seiten hielt das Derby noch über. Union übertrat mit dem Abpfiff noch den Zaun und stand mit etwa 20 Vermummten auf dem Spielfeld. Geile Aktion für Instagram. Niemand hätte daraufgesetzt, dass sie überhaupt nur die Mittellinie erreichen. Lasst den Scheiß doch einfach und macht euch nicht lächerlich.

Auch bei uns war die Peinlichkeit noch nicht vorbei und wie zuvor sporadisch im Spiel wurden nun auch Leuchtraketen in die anderen Union Blöcke geschossen. Vor allem ging es dabei auf Tribünen, die wirklich eher familiär geprägt sind. Mich hinterlassen solche Aktionen echt ratlos. Ich finde in solchen Situationen merkt man auch, dass sich die Fanszenen im Jahr 2019 verändert haben. Wenn man solche Aktionen kritisiert gilt man schnell als nicht hart, nicht revolutionär und nicht ultrà genug.

Wir wurden dann von der Polizei zum S-Bahnhof Spindlersfeld begleitet. Der Marsch verlief komplett ruhig ab und durch die ordentliche Distanz und die Fahnenstangen in meiner Hand machte ich noch ein wenig Oberarmtraining. Wir nahmen dann die erste S-Bahn, die uns in Richtung Südkreuz brachte. Als wir dann ausstiegen, hatten wir die Polizei weitgehend abgehängt und fuhren zu einem Nahgelegen U-Bahnhof. Dort tankte ein Großteil der Herthaner dann erst einmal bei den umliegenden Dönerbuden auf und dann ging es zu den dort parkenden Autos. Gemeinsam mit Tschernie wollte ich nur eben zwei Fahnenstangen in sein Auto bringen. Dafür mussten wir um zwei Ecken biegen. Auf dem Rückweg, bretterte eine Streife in den Gegenverkehr, auf den Fußweg und uns direkt vor die Füße. Wir umrundeten das Auto elegant, aber wurden gestoppt. Das Erkenntnisinteresse galt dem „großen Gegenstand“, der in das Auto gepackt wurde. Als wir nur wenig Interesse hatten dafür das Auto zu öffnen, wurden wir zu einer Kontrolle eingeladen. So knickten wir ein, öffneten kurz das Auto und waren zum Glück entlassen.

Währenddessen setzte sich der Mob in Bewegung und überquerte die Straße. Gerade als man sich besprach, was mit dem Abend noch passiert, wurde es laut und hektisch. Aus allen Ecken kamen Polizeiwagen, die versuchten die Leute zu kesseln. Anscheinend hatte sich ein Zivi ein paar gefangen, was er nicht so lustig fand. Also hieß es jetzt noch einmal Tempo und Cleverness zeigen. Zwei Attribute, die mir in die Wiege gelegt wurden. So sprintete ich kurz, verlangsamte dann lässig und türmte durch die Nutzung verschiedener Verkehrsmittel. Ein ruhmreicher Abend, der gegen 01:00 dann im Bett endete.

Was bleibt von diesem Spiel? Auf dem Platz eine absolute Schande der Mannschaft. Schämt Euch. Auf den Rängen eine gemischte Leistung mit peinlichen Aktionen von beiden Seiten. Ist das, das Derby auf das man wochenlang hingefiebert hat? Ansonsten ein gewohnt schäumender Boulevard, der Falschmeldungen verbreitet und die üblichen Stichworte von „neue Dimension“, etc. von sich gibt. Was bleibt für mich? Das Derby war das 100. Pflichtspiel in Serie für mich von Hertha BSC. Nächste Woche reißt die Serie. Jetzt geht es erstmal in den Urlaub. Trotzdem: Für immer Ha Ho He!

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