2. Bundesliga
Zuschauer: 26.000
Ruhrstadion: Bochum
Auftaktspiel der zweiten Liga und wieder hatten wir die Ehre die Runde zu eröffnen. Mit dem VFL Bochum gab es eine vielversprechende Auswärtsfahrt. Ich verlebte die Sommerpause deutlich positiver als mein Umfeld und war mit Blick auf den Kader recht wohlwollend. Insbesondere auf der Abgangsseite hat man vieles richtig gemacht und teilweise beachtliche Transfererlöse generiert. Dass sich auf der Zugangsseite wenig tat, fand ich nicht schockierend. Eher freute ich mich auf ein neues und vor allem jüngeres Gesicht der Mannschaft. Insbesondere die vermeintliche erste Elf empfand ich immer noch als vielversprechend. Daher nutzte ich die Anreise, um in einigen Chats die Gewissheit zu verbreiten: Wir steigen auf!
Die Fahrt zog sich aufgrund einer ordentlichen Verspätung etwas in die Länge. In Bochum zeigte sich NRW von seiner besten Seite und ich musste einen Mann umkurven, der eine blutige Taube in der Hand hielt. Ich bin zu weich für dieses Bundesland. Ich steuerte dann mein Hotel für die Nacht an und war mit dieser Auswahl nicht alleine. Zahlreiche Herthaner hatten dieses Quartier auserkoren. Nicht zu Unrecht, denn die Preise waren fanfreundlich und das Gesamtpaket grundsolide. Ich nutzte die verbleibende Zeit noch für eine kleine Runde durch Bochum und sorgte wieder mal für Kopfschütteln bei Freunden und Bekannten. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit entschied ich mich für einen Döner. Dieser war ein wahrhaftiges Verbrechen gegen die Menschheit. Normalerweise finde ich die oft zu hörenden Aussagen „Ich würde nie einen Döner außerhalb von Berlin essen“ etwas überdreht- heute hätte ich besser auf diese Weisheit gehört.
Der Fußweg zum Stadion war schön und ist definitiv eines der Highlights bei diesem Auswärtsspiel. Am Einlass war dann vor allem beim Sitzplatzeingang ein Rückstau. Das lag sicher auch daran, dass alle aktiven Gruppen in den Sitzer gingen. Der stolze Preis dafür: 42€. Ich hatte das im Vorfeld gar nicht registriert, da der Klabauterkeaper dankenswerterweise mein Ticket geholt hatte. Als ich die Rechnung sah, traute ich meinen Augen kaum. Satte 10€ Topspielzuschlag verlangte der VFL Bochum für uns. Haben die uns mal Fußball spielen sehen? Bodenlos! Generell eine Entwicklung, die durchaus Sorgen machen kann. In immer mehr Standorten wird die 20€ Marke für Stehplätze inzwischen überschritten. Dazu werden Sitzplätze zu teilweise horrenden Preisen angeboten. Bei allem Verständnis für steigende Kosten: Hier muss man auch als aktiver Fan aufpassen mühsam erkämpfte rote Linien nicht Stück für Stück aufweichen zu lassen.
Dafür war das Platzangebot zugegebenermaßen ein Quantensprung- vor allem verglichen mit dem klaustrophobischen Gästeblock. So blieb Zeit für zahlreiche Gespräche und große und kleine Hallos nach der Sommerpause. Wir starteten dann auch mit einer Protestaktion in die Partie. Ein großes Spruchband verkündete: „Das Relikt des Arbeiterclubs: Wir malochen, ihr kassiert.“ Dazu gab es eine Visualisierung des 10€ Scheins für den Topspielzuschlag. Da durch das Spruchband das „sagenumwobene“ Fluchttor überhangen wurde kam nach etwa 10 Minuten die erste Durchsage mit der „Drohung einer Unterbrechung“. Der Plan ging also astrein auf. Ohne jegliche Grenzüberschreitung konnte die gewünschte Spielunterbrechung herbeigeführt werden und somit die Aufmerksamkeit auf die astronomischen Preise gelenkt wurden. Das alles bei einem Spiel mit großer Zuschauerzahl im Free-TV. Chapeau! Das war richtig smart.
In der Unterbrechung sangen wir uns mit dem Lied „Wir sind keine Konsumenten“ in einen kollektiven Rausch. Dieser Moment bleibt für die Ewigkeit und endlich mal übersprangen fast alle Aktiven jegliche Grenzen. Komplette Ekstase und Leidenschaft für diese zwei Minuten. Es war wunderbar! Auch darüber hinaus war das ein gelungener Auftritt. Die ganz großen Ausschläge blieben ansonsten aus- aber akustisch behielt man dennoch über weite Strecken des Spiels deutlich die Oberhand. Das machte Spaß.
Die Fanszene Bochum startete mit einer schicken Choreo in die Partie. In der Ostkurve sah man mit dem Motto „Zwischen Förderturm und Flutlichtmast, schlägt das Herz der Malocherstadt“ auf einer Blockfahne verschiedene Motive Bochums und das Logo des VFL. Abgerundet wurde die Blockfahne durch blaue Zettel in der Kurve. Insbesondere die Blockfahne gefiel mir sehr gut. Es sollte das einzige Highlight des Spiels bleiben. In der Folge blieb die Kurve erstaunlich blass. Die Mitmachquote bei den Schalparaden war schwach und auch die Gesänge wurden nur selten laut. Mich verwunderte auch die völlig fehlende Beteiligung bei der Spielunterbrechung. „Fussball muss bezahlbar sein“ wollte nicht über die Bochumer Lippen und so setzte man stattdessen auf „Auf geht’s Bochum kämpfen und siegen“. Merkwürdig. Auch stilistisch ist dieser Old-School Vibe der Kurve mit nur sehr sporadischem Fahneneinsatz einfach nicht mein Ding.
Auf dem Rasen war eine erstaunliche Weiterentwicklung zu beobachten. Die angekündigte Spielweise mit hohem Pressing war deutlich erkennbar. So entstand das 0:1 durch einen starken Ballgewinn und dann dem schnellen Umschaltspiel. Fußballerisch war das von Gouram, Sessa und Grönning auch stark gemacht. In der zweiten Halbzeit konnte die Intensität nicht mehr zu 100% gehalten werden, aber man stemmte sich gegen den drohenden Ausgleich. So fand ich den knappen 0:1 Auswärtssieg am Ende auch nicht unverdient. Mit Blick auf den Kampf und die Körpersprache fand ich das beeindruckend. Weiter so! Hoffentlich noch lange können wir „102 Punkte Hertha BSC, 102 Punkte BSC, wir werden ungeschlagen sein“ singen. Herrlich! Beseelt ging es durch die laue Bochumer Sommernacht in mein Hotel und kurze Zeit später glücklich ins Bett.
